08.08.2017

Die Weiterbildung entstaubt

Lippstadt. (-ger). Digitalisierung, Digitalisierung, Digitalisierung. Für VHS-Chefin Frauke Mönkeberg (47) war dies das Schlüsselwort der letzten Jahre und ist es und bleibt es in Gegenwart und Zukunft. Die Digitalisierung ändert nicht nur Arbeit und Gesellschaft, sie verändert auch das Lernen. Die Leiterin der Volkshochschule ist in diesem komplexen Thema sicher unterwegs und übt Beratungsfunktionen in unterschiedlichen Funktionen aus.
Dabei ist schon mal klar: Die VHS kommt voran. Aber wie alle Weiterbildungseinrichtungen muss sich auch die hiesige VHS technischen Sprüngen, veränderten Ansprüchen der Teilnehmer, gesellschaftlichen Entwicklungen, Erwartungen der Träger und dem Rückgang der traditionellen Kurse stellen. Sie hat dies in den letzten fünf Jahren sehr überzeugend getan. Das machen Kursangebote, Teilnehmerzahlen und Ergebnis deutlich.
Mönkeberg kam am 1. Februar 2012 nach Lippstadt, trat die Nachfolge von Claus-Ulrich Ahl an und übernahm die Umsetzung der neuen Flächenvolkshochschule. Nach der Fusion sind neben Lippstadt die Städte Warstein, Rüthen und Erwitte sowie die Gemeinde Anröchte hinzugekommen. Seitdem hat sie ihre Planvorstellungen nicht nur erfüllt, sondern liegt weit darüber. So lagen die durchgeführten Unterrichtseinheiten im vergangenen Jahr mit 25.498 Stunden um über 36 Prozent über den Zahlen bei Dienstbeginn. Ihr Wunschziel lautete vor drei Jahren 20.000 Stunden. Die Teilnehmerzahl ist auf 18.349 geklettert, das sind knapp 50 Prozent mehr als in 2012. Die durchschnittliche Teilnehmerzahl pro Kurs legte von 12,4 auf 17,8 zu. Weil sie das Programmheft nie als Märchenbuch verstanden hat, war und ist für Mönkeberg noch eine weitere Kennzahl wichtig: die Ausfallquote. Auch hier gelang der umtriebigen VHS-Leiterin in einem Team von insgesamt fünf hauptamtlichen Kräften eine Verbesserung. Die Ausfallquote sank im Fünf-Jahres-Vergleich um 2,8 auf 21,1 Prozent. Kein unwesentliches Standbein im Angebot sind die Integrationskurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge geworden. Hier kamen allein im letzten Jahr 8.380 Unterrichtsstunden zusammen, weitere 5.060 Stunden gab es in speziellen Deutsch-Angeboten. Die Volkshochschule hat im vergangenen Jahr 21 Integrationskurse parallel und 30 weitere Sprachmaßnahmen durchgeführt. Die Träger-Kommunen interessiert neben der Resonanz und Präsenz der VHS-Angebote vor allem das Ergebnis. Sie dürfen sich freuen. Das Projektgeschäft als eine der tragenden Säulen lief bestens. Konsequenz: An die Kommunen flossen im letzten Jahr 210.000 Euro zurück. „Die Ergebnisverbesserung wird in zusätzliches Personal und die Organisationstruktur investiert“, stellt die VHS-Leiterin fest und bekräftigt: „Wir leben ja auch von Steuergeldern.“ Das sagt sie nicht nur so dahin, das meint sie auch so. Projektarbeit, bei der Drittmittel und Fördergelder generiert werden können, gehören zu ihren Vorstellungen von einer neuen inhaltlichen Ausrichtung. Deshalb treibt Mönkeberg auch die AZAV-Zertifizierung (Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung) voran, bei der es um die Zulassung von Trägern und Maßnahmen in das Dritte Sozialgesetzbuch geht. Mit den Regelungen sollen die Qualität arbeitsmarktlicher Dienstleistungen und damit Leistungsfähigkeit und Effizienz des arbeitsmarktpolitischen Fördersystems nachhaltig verbessert werden. Das externe Audit im vergangenen Monat dauerte achteinhalb Stunden. Resultat am Ende des Tages: „Die VHS ist unternehmerisch unterwegs mit einer innovativen Ausrichtung. Sie ist am Markt präsent, die Zahlen belegen die unternehmerischen Erfolge“, gibt Mönkeberg im Gespräch das Meinungsbild wider.
Und dann ist da natürlich der Kunde, um den sich alles dreht. Hier lautet das Credo „Angebotsausweitung nach Bedarf“. Der Kursteilnehmer von heute hat eine ganz andere Anspruchshaltung. Er möchte sich gewöhnlich nicht mehr ein halbes Jahr binden. Etwa in der Sprachenausbildung. Heute läuft „Sprache to go“. Früher war „Just in case“, jetzt wird „Just in time“ gelernt. Das erfordert neue Lernformate und Experten. Arbeitsverdichtung und ein verändertes Freizeitverhalten lösen Veränderungsdruck bei den Volkshochschulen aus. „Alle VHSn merken den Rücklauf des alten Standardprogramms“, gibt Frauke Mönkeberg einen Einblick in eine sich wandelnde Bildungslandschaft und ein sich veränderndes Bildungsverhalten. „Kurz und knackig“, lautet die Devise. Kostenfreie Sprachangebote an den Unis, viele Studenten mit 50 plus, neue Mitbewerber auf dem Markt und nicht zuletzt das Internet knabbern am Erfolg der Volkshochschulen. Sie müssen schneller reagieren und ihre Angebotslaufzeiten anpassen. „Was passiert und was ist angesagt“, lautet eine zentrale Frage für die Programmmacher. Es gibt Neues. Taufrisch kommt Extrem-Hindernislaufen. Das Angebot wird es in Warstein geben. Was im Automobilbau das E-Auto ist, ist in der Bildungslandschaft das eLearning. Die VHS-Leiterin zeigt die rasanten und grundlegenden technischen Umwälzungen am Beispiel Aufzeichnungs- und Abspielgeräte auf. Der Bogen beginnt bei Tonband, Kassettenrecorder und CD-Player und geht über den USB-Stick zu „Augmented-Reality-Apps, womit die Bildungslandschaft bei der sogenannten Erweiterten Realität angekommen ist. Neue „Settings“ werden implementiert, beispielsweise im nächsten Semester vier Veranstaltungen zu „Smart democracy“. Bei dieser neuen Veranstaltungsreihe zu Digitalisierung und Gesellschaftspolitik im Rathaus in Anröchte kommen Experten über einem Livestream direkt in den Raum. Die hiesige VHS klinkt sich mit diesem Angebot in eine Initiative des Deutschen Volkshochschul-Verbandes ein. Auch elf Online-Schulungen zu Finanz- und Buchhaltung belegen die Neuausrichtung, wobei technischer Support und Know-how durchaus herausfordernd für das VHS-Team sind. Mönkeberg betont an dieser Stelle aber, dass die Stärke der Volkshochschule nicht in den Online-Angeboten liege, sondern im gemeinschaftlichen Lernen. Zumal reines Online-Lernen nicht für jedermann geeignet ist. Auch bei den Kursangeboten wird die VHS nicht auf die Klassiker verzichten: „Bewährtes muss man weiter pflegen und hegen“, heißt der Grundsatz. Aber hinter den Kulissen wird viel gedreht. Mit der Stadtbücherei strebt die VHS eine Zusammenarbeit an, das Stichwort lautet hier: eLearning Divibib Onleihe. Die galoppierende technische Entwicklung mit erweiterten Lernwelten fordert die Volkshochschule auch infrastrukturell heraus. Etwa mit schneller Internetanbindung, die bislang am Wasserturm aufhört. Zur minimalen Ausstattung zählen nach den Empfehlungen des Volkshochschul-Verbandes eine professionelle WLAN-Infrastruktur, Beamer und Lautsprecher in jedem Unterrichtsraum, Tablet- und Notebookkoffer, Lizenzen für Lernmanagementsysteme und Kollaborationssysteme sowie Contentangebote in Absprache mit den Fachbereichen und nicht zuletzt Support- und Wartungskapazitäten. Sinnvoll sind aus Verbandssicht ein Kurssatz 3D-Brillen, 3D-Drucker, 360 Grad Kamera, Smartboards, Apple TV oder google Chromecast. Man ahnt, wie Trägerkreise bei solchen Listen ins Rotieren kommen. „Die Technik ist uns immer drei Schritte voraus“, weiß die VHS-Leiterin. Auch die Kursteilnehmer treiben Entwicklungen voran. Weil sie gern ihre eigenen, kleinen Geräte in den Unterricht mitbringen („Bring in your own device“), wird der zweite Rechnerraum überflüssig und in einen normalen Unterrichtsraum umfunktioniert.
Die moderne VHS beschäftigt sich mit neuen Formaten, definiert Zielgruppen und Inhalte, sucht die stärkere Vernetzung, arbeitet an der Bereitstellung der technischen Infrastruktur, akquiriert Fördergelder, steigt weiter in das Projektgeschäft ein, will mehr Kooperationen statt gegenseitigem Wettbewerb, möchte unterschiedliche Interessengruppen durch Experten, eventuell durch Videokonferenz und Moderatoren, inhaltlich zusammenführen und hat nicht nur nebenbei anspruchsvolle und eine lange Liste voller Ziele im Qualitätsmanagement. Dazu gehört die kontinuierliche Verbesserung der internen Organisation. Hierfür möchte die VHS-Chefin eine externe Beratung in Anspruch nehmen. Mönkeberg: „Wir reinvestieren in das VHS-Personal und die VHS-Struktur.“ Die zertifizierte VHS, die alle drei Jahre beim Gütesiegelverbund und zukünftig jedes Jahr für AZAV ein externes Audit bestehen muss, will vor dem Hintergrund von „Lean Management im Büro“ Abläufe effizienter gestalten. „20 Prozent der Arbeitszeit werden mit Suchen verbracht“, weiß die VHS-Leiterin. Das soll sich ändern. Ziel ist es, alle Prozesse der Wertschöpfungskette so aufeinander abzustimmen, dass überflüssige Tätigkeiten vermieden werden können. Das soll auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen. Zu diesem Komplex gehört darüber hinaus die Einführung eines prozessorientierten Aktenplans. Dieses System für die interne Papier- und digitale Ablage will die Informationsflut eindämmen und auch Vertretungsfälle optimal managen, Motto: „Jeder findet alles beim Kollegen.“
Voraussetzungen für die erfolgreiche Weiterentwicklung der Volkshochschule sind nach Auffassung der VHS-Chefin ausreichende Gestaltungsmöglichkeiten und die Unterstützung bzw. Mitarbeit der jeweiligen Kommunen. Fast alles hat in den letzten fünf Jahren geklappt, schaut Frauke Mönkeberg recht zufrieden zurück, gern hätte sie auf ihrer Erfolgsliste noch einen erneuerten Internetauftritt eingetragen. Das muss aber noch warten. Für die Verzögerung sorgten interne Abstimmungsprozesse. Die neue Internetseite soll aber jetzt angegangen werden. Damit möchte die VHS noch kundenfreundlicher werden.
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