19.08.2017

Mit Volldampf in die Digitalisierung

Lippstadt. (-ger) Im kommenden Jahr blickt das Gründer- und Technologiezentrum Cartec an der Erwitter Straße auf sein 20-jähriges Bestehen zurück. Zugleich aber auch auf einen Neustart. Denn der Inkubator, in dem viele Unternehmen im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte das Laufen gelernt haben, wird sich zum 1. Januar 2018 grundlegend verändern. Zwar wird das Cartec fortbestehen und jungen Düsentriebs weiterhin eine attraktive und flexible Bleibe für die Startphase bieten, aber das Vermietungsgeschäft übernimmt künftig die örtliche Wirtschaftsförderung (WFL), die auch Eigentümerin der Immobilie ist.
Die neue Kernaufgabe der Cartec-Gesellschaft setzt bei den Herausforderungen der Digitalisierung für die mittelständische Wirtschaft im Kreis Soest an. Vorläufiger Arbeitstitel: Digitales Zentrum Mittelstand. Bislang haben die Gremien des Kreistages in Soest und der Rat der Stadt Lippstadt ihr Ok gegeben, doch auch die Teilhabe der anderen Städte und Gemeinden im Kreis ist ausdrücklich erwünscht. Wirtschaftsförderer Dr. Ingo Lübben schwebt vor, zum vorgesehenen Starttermin Anfang nächsten Jahres möglichst eine vollständige kommunale Familie um das neue Zentrum scharren zu können. Das Produktbudget liegt bei 160.000 Euro. Der Kreis leistet zunächst befristet für drei Jahre eine Anschubfinanzierung von höchstens 80.000 Euro. In der mittelfristigen Finanzplanung hatte der Kreis für das Technologiezentrum Cartec 85.000 Euro im Haushalt verankert. Der Lippstädter Wirtschaftsförderer und sein Kollege beim Kreis, Volker Ruff, versuchen beim Land Förderanträge für das Zentrum zu platzieren, doch der Ausgang ist bei starker Konkurrenz unsicher. Der Wille, in der Region ein kräftiges Ausrufezeichen zu setzen, ist jedoch größer als die Förderkulisse: „Auch wenn wir nichts bekommen, machen wir es“, sagt WFL-Geschäftsführer Lübben. Das Digitale Zentrum Mittelstand entsteht ohne Vorbild, aber die Erwartungen sind nach Darstellung des Wirtschaftsförderers bereits riesig. Anders als nach der Ursprungsidee, Industrie 4.0 als Schwerpunkt herauszuarbeiten, trifft der Vorstoß in Sachen Megathema Digitalisierung offensichtlich den Nerv der Mittelständler. Und damit ist nicht eine einzige Branche gemeint. Das hat bislang den Blickwinkel eingeschränkt. Während Gründer- und Technologiezentren einst als Allheilmittel gesehen und nach und nach in immer kleineren Städten aufgebaut wurden, hat sich inzwischen der Gedanke festgesetzt, dass mit einer Einengung auf nur eine Branche viel Potenzial liegen bleibt. „Heute spricht man eher vom Mittelstand unabhängig von der Branche“, beschreibt Lübben den Wandel. Das Lippstädter Cartec dagegen sieht seine vornehmliche Aufgabe darin, im Wirtschaftsbereich Automobilzuliefererindustrie Innovation zu initiieren, zu bündeln und voranzubringen. An der Cartec-Gesellschaft sind zurzeit der Kreis Soest und die Stadt Lippstadt mit jeweils 27,5 Prozent beteiligt und jeweils zur Hälfte zum Verlustausgleich von zusammen höchstes 205.000 Euro verpflichtet. Neben diesen Gesellschaftern sind acht Unternehmen und Banken mit unterschiedlich hohen Beteiligungen vertreten, für rote Zahlen einstehen müssen sie aber nicht.

Der Kreis Soest möchte sein Beteiligungsmanagement neu ordnen und hat auch das Technologiezentrum KonWerl strategisch überprüft. Ergebnis: Weder in dem Werler Objekt noch in der Lippstädter Einrichtung wird weiterhin eine kreisweite Aufgabe gesehen. Lübben nennt im Gespräch weitere Aspekte, die zu dem Generalcheck geführt haben. Danach hat die selbstständige Cartec GmbH eine kritische, sprich: geringe Größe. Und damit ist sie auch empfindlich für die Frage, ob das Vermietungsgeschäft nicht auch von der örtlichen Wirtschaftsförderung mit erledigt werden kann. Genau das wird nun geschehen. Auch die privaten Gesellschafter ohne Zuschusspflicht sehen keinen konkreten Nutzen in dem Vermietungsgeschäft, das obendrein defizitär ist. Sie geben deshalb ihre Anteile ohne Murren zurück.

Gleichwohl bleibe das Gebäude mit seinen Möglichkeiten für Start-ups wichtig, versichert der Wirtschaftsförderer. Knapp über 100 Mieter haben hier ihre ersten Gehversuche unternommen. Ferber Software gehörte dazu, INDEC, sogar BHTC. Gegenwärtig sorgen 30 Mieter für eine nahezu volle Auslastung der Räume. Erstmals gab es am Jahresanfang eine Warteliste. Dennoch kommt bei dem Geschäft keine schwarze Null heraus. „Das ist so gewollt“, macht Lübben deutlich.

Nachdem klar geworden war, dass sich der Kreis von seinen verlustreichen Beteiligungen trennen wird, ging es im vergangenen Jahr in zwei Workshops um die anstehenden Korrekturen: Änderung der Gesellschafterstruktur, Erweiterung des Nutzens und nicht zuletzt um die Rückübertragung des Vermietungsgeschäftes. Aber wie sollte das Cartec nun inhaltlich aufgestellt werden? Industrie 4.0 war eine Antwort, doch dieser Ruf schallte ins Leere. Anders das Schlagwort Digitalisierung. Zwar gab es auch hier nicht nur begeisterte Stimmen, doch der breite Mittelstand sprang an. Verkürzt dargestellt, sollen in dem neuen Zentrum digitale Entwicklungen und Geschäftsideen unterstützt werden. Leitende Erkenntnis ist es dabei, dass der immer größer werdende Datenbestand und die zunehmende Rechnerleistungen, die BigData verarbeiten, bislang ungeahnte Geschäftsmodelle erlauben und selbst etablierte Unternehmen nicht vor gravierenden Umwälzungen verschont werden. Digitalisierung, unterstreich Lübben doppelt, sei nicht mit IT-Infrastruktur in den Unternehmen zu verwechseln. „Die ist da.“ In welchen Dimensionen Digitalisierung ablaufen kann, macht er am Beispiel von Regensensoren in Fahrzeugen deutlich, die nicht nur den Einsatz des Scheibenwischers steuern, sondern standortgenaue Wetterdaten liefern. „Die Unternehmen sind stark interessiert“, stellt der Wirtschaftsförderer fest. Damit würden sie zugleich zum ersten „Baustein“ des DZM-Aufbaus passen. In diesem Fall könnten sie weiter beraten, begleitet und qualifiziert werden. In dieser wichtigen Phase der Zusammenarbeit mit kleineren und mittleren Unternehmen würden die Netzwerkpartner des Zentrums mit ins Boot geholt und die Projektentwicklung angegangen. Im dritten Schritt sollen die Unternehmen den Nutzen von Kontakten zu Start-ups erkennen und Kooperationen mit ihnen eingehen. Hier geht es auch um das Erkennen von Trends und die gemeinsame Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen.

Dass die Wirtschaftsförderung über beste Drähte in den Mittelstand verfügt und im Hintergrund Fäden ziehen kann, dürfte kein Nachteil für das Digitale Kompetenzzentrum sein. Begleitet werden soll diese Einrichtung von einem Beirat. Er soll laut Lübben nicht wie ein zweiter Aufsichtsrat agieren, sondern „proaktiv“ tätig werden: „Wir erwarten Input.“ Das Stellenprofil für die angedachten zwei Mitarbeiter ist noch nicht geschrieben, aber dass es sich um eine „hochspannende Aufgabe“ handeln werde, das ist für den Wirtschaftsförderer gesetzt. Die Bewerber sollen in „zwei Welten“ sicher unterwegs sein und sowohl die Chancen als auch die Risiken genauestens sehen. Bei alldem ist Behäbigkeit eher nicht gefragt: Schnell sollen sie sein, und: „Wir brauchen Macher.“ Ihr Büro werden sie in der WFL haben. Aber eigentlich sollen sie ja draußen sein bei den Unternehmen und Unternehmern. Und ihren potenziellen Partnern. Bei den Entscheidern also. Denn Digitalisierung, ist sich Lübben sicher, ist Chefsache.

Nach einer Anlaufphase bis 2020 soll entschieden werden, ob das Digitale Zentrum in die Regionale 2025 überführt werden kann. Das wäre dann eine dicke Belohnung für die Leistung.
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