26.08.2017

„Einprägsame Strukturen“ geschaffen

Lippstadt. (-ger) Was ein politisches Ringen ging dieser Schule voraus. Sieben Jahre nach dem Startschuss erinnert allerdings nichts mehr an dieses Gezerre, ganz im Gegenteil: Die jüngste Schule und Schulform in der Stadt hat eine geradezu sensationelle Resonanz gefunden und wird zum neuen Schuljahr in einem völlig neuen Objekt ihren Platz in der Schullandschaft finden.
Nachdem die Oberstufe kurz vor den großen Ferien bereits die Neubauluft schnuppern konnte, werden nach der Sommerpause auch die Unter- und Mittelstufe in den seltenen Genuss einer nagelneuen Schule kommen. Damit schaltet die Gesamtschule an der Ulmenstraße auf das lang ersehnte „Go“.

Gesamtschule in Lippstadt, das war ein schweres Wort. Leidenschaftlich diskutierten Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit über das Für und Wider dieses Vorhabens. Klarheit sollten die Bürger schaffen. Auf der Grundlage einer Elternbefragung von 2008 beschloss der Rat im November desselben Jahres die Einrichtung einer Gesamtschule ab dem Schuljahr 2011/11. In dem zunächst zähen Prozess, in dem die schulpolitischen Fronten offen sichtbar aufeinander prallten, sorgte die INI für Druck. Die Macher von der Südstraße erklärten sich dazu bereit, den Karren zu ziehen. Das ging der Politik quer. Die Stadt entschied sich schließlich dafür, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen. Mit Verfügung des Landes vom 7. Dezember 2009 wurde die neue Gesamtschule genehmigt. Der Grundsatzbeschluss enthielt allerdings zwei „Schönheitsfehler“, wie der für die Schulen zuständige Fachbereichsleiter Manfred Strieth am Donnerstag im Pressegespräch erinnerte: Der Bescheid zur Genehmigung galt für eine Halbtagsschule und, was nicht weniger wichtig war, die Schule hatte keinen Standort. Beides wurde bald geheilt, wenn auch teilweise nur provisorisch. Denn als Schulgebäude diente zunächst die Stadtwaldschule. Nach den Sommerferien 2010 nahm die Schule mit den 5. Klassen ihren Betrieb auf. Das gesamte Lehrerkollegium war inzwischen berufen worden. Der neue Schulleiter, Ludger Montag, und sein Stellvertreter, Thomas Luerweg, stellten sich im Fachausschuss des Rates vor. Beide Pädagogen waren und sind erfahrene Gesamtschullehrer. Kollegium und Verwaltung summieren sich heute auf einen 100-köpfigen Mitarbeiterkreis. Nach damaligem Stand sollte die Gesamtschule dort vier Jahre lang bleiben und danach am Dusternweg untergebracht werden. Doch es kam anders. Mitte 2011 erhielt die Verwaltung den Auftrag, die Einrichtung einer fünfzügigen Gesamtschule zu prüfen und gleich den vorgesehenen Standort am Realschulzentrum mit zu überdenken. Die Schule wuchs bereits auf. Am 1. August 2011 zog der zweite Jahrgang ein. Ein Vierteljahr später verlangte die Schulplanungskommission von der Verwaltung weitere Standortalternativen für einen Schulneubau und gegebenenfalls der Drost-Rose-Realschule. Im März des Folgejahres lagen die Standortvarianten Pappelallee für die Gesamtschule und Boschstraße für die Realschule vor. Nun war der mögliche Eingriff in den Theodor-Heuss-Park ein Dollpunkt. Es kam zu einer Bürgeranhörung. Aber dann fielen endlich die sprichwörtlichen und für die Schule erlösenden Würfel: Im Juni 2012 entschied das Stadtparlament, das Realschulzentrum aus Drost-Rose- und Edith-Stein-Realschule beizubehalten und die Gesamtschule am Standort Pappelallee/Ulmenstraße zu errichten. Dabei sollten Gelände sowie Gebäude- und Sportkomplex der Pestalozzischule genutzt werden. Die Förderschule musste für diese Pläne weichen, sie besteht heute am Grünen Winkel unter gleichem Namen fort. Unterdessen wandelte sich die Gesamtschule. Resultierend aus dem zusätzlichen Raumbedarf für Mensa und Ganztagsräume genehmigte das Land Anfang 2011 den Betrieb als Ganztagseinrichtung.

Mit der Verlegung vom „Tiergarten“ in den Lippstädter Südwesten stellte sich die Frage nach geeigneten Räumlichkeiten. Immerhin wuchs eine vierzügige Schule auf. Zur Vergabe dieser Planungsaufgabe initiierte die Stadt einen Architekturwettbewerb. Ein Weg, der sich nach Ansicht des zuständige Ressortchefs, Heinrich Horstmann „absolut bestätigt“ hat. Für das Losverfahren meldeten sich 560 Architekten an, blickte der für das Planen und Bauen zuständige Fachbereichsleiter zurück. Davon wurden 25 ausgesucht. Sieben Büros waren gesetzt, der Rest wurde per Losentscheid ermittelt. Das Preisgericht hatte die Wahl: Die Architekten reichten 21 Entwürfe ein. Das aus Vertretern von Politik, Bürgerinitiative, Schule, unabhängigen Gutachtern und Verwaltung zusammengesetzte Gremium traf einstimmig seine Entscheidung und plädierte für die Clusterlösung der Stuttgarter Architekten Swiatkowski-Suerkemper. Alle preisgekrönten Entwürfe sowie ergänzende und alternative Raumplanungen des Architekturbüros wurden eingehend analysiert. Nach abschließender Bewertung gab es grünes Licht für die Süddeutschen: Im Juli 2013 erhielten sie den Auftrag für die weiteren Planungen der Schule mit Sporthalle. Flankiert wurde ihre Arbeit durch eine intensive Begleitung von Fachdiensten der Stadt, aber auch Vertretern der Schule, der Elternvertreter und weiterer Stellen. Eine eigens gebildete Kommission hielt die Kosten fest und suchte auch nach Einsparungen. Mit Erfolg. Aus dem Budget wurden 700.000 Euro gestrichen. Als im Oktober 2014 die Bagger vorfuhren, wurde dem einen oder anderen nicht ganz wohl ums Herz. Schließlich wurde hier eine funktionierende Förderschule dem Erdboden gleichgemacht. Im Wettbewerb hatte die Stadt den interessierten Planern ausdrücklich die Nutzung des vorhandenen Schulgebäudes freigestellt. Dass der ausgewählte und nun umgesetzte Entwurf auf die bestehende Bausubstanz verzichtet, „war eine absolut richtige Entscheidung“, unterstrich Horstmann.

Am 29. Oktober 2015 wurde aus den Plänen Wirklichkeit: An der Ulmenstraße feierten Schüler, Lehrer, Rat, Verwaltung und Anwohner die Grundsteinlegung. Ende Juni 2016, nach gerade einmal siebeneinhalb Monaten Bauzeit, hing der Richtkranz über der Baustelle. Auf den letzten Metern ist es eng geworden, aber mit der Einschulung in der nächsten Woche wird es klappen. Die Schule, so Horstmann in seinem Bericht, sei weitgehend fertiggestellt: „Auch der private Hausherr zieht ein, wenn die eine oder andere Tür noch nachgestrichen werden muss.“ Dass dieses Riesenprojekt nun kurz vor der Ziellinie steht, das nimmt auch ein erfahrener Bauexperte gern zur Kenntnis. „Wir haben viel Glück gehabt, dass wir den richtigen Architekten gefunden und die richtigen Entscheidungen getroffen haben“, fasste Horstmann zusammen.

Die neue Schule kam vom Start weg gut an bei Eltern und Schülern. Inzwischen so gut, dass bereits mehrfach Schüler abgelehnt werden mussten. Der Vorgang sorgt regelmäßig für Diskussionsstoff im Fachausschuss. Sogar eine weitere Gesamtschule wurde schon gefordert. Alle Beteiligten, und das waren und sind sehr viele, sind jedoch erst einmal über den gegenwärtigen Stand froh und glücklich. Mehr als drei Dutzend Fachfirmen waren auf der Baustelle und neben dem Stuttgarter Architekturbüro mehr als eine Handvoll weiterer Experten. Bewährt hat sich laut Horstmann die gewerksweise Ausschreibung und Vergabe. Das habe vor allem ermöglicht, auf die Ziele und Kosten einzuwirken. Peinlich genau hielt die Stadt die Ausgaben nach. Es geht um keine Kleinigkeiten. Die reinen Baukosten sind mit 21,3 Mio. Euro veranschlagt worden. Hinzu kommen 1,2 Mio. Euro für die Einrichtung. Mit Ratsbeschluss vom Januar 2014 tut sich für die Stadt noch eine weitere Kostenstelle auf: Am neuen Schulzentrum wird auch eine Doppelsporthalle gebaut. Dafür hat der Rat der Stadt noch einmal 3,6 Mio. Euro reserviert. Um das riesige Objekt so hinzuzirkeln, wie es jetzt zu sehen ist, hat eine interne Arbeitsgruppe 175 Mal getagt. Selbst für Heinrich Horstmann ist diese Schule eine echte Nummer: „Welcher städtische Angestellte darf schon eine solche Schule mit diesem Volumen bauen. Das war auch ein Vertrauensbeweis der Politik“, resümierte der langjährige Verwaltungsmann. Apropos Volumen: Der Schulbau hat einen Bruttorauminhalt von 45.000 Kubikmetern, das entspricht rund 50 Einfamilienhäusern, rechnete Peter Janßen vor. Zusammen mit seinem Kollegen Willi Linnemann hat er die Projektbetreuung für die Stadt gemacht. Die beiden kennen sogar das Gewicht des auf 850 Säulen ruhenden Gebäudes: 8.400 Tonnen. Mit einer Netto-Nutzfläche von 9.600 qm ist es deutlich größer als ein Fußballfeld, für das lediglich 7.500 qm benötigt werden.

Von „Glück“ und einem „Sechser im Lotto“ war am Donnerstag die Rede. Großen Anteil daran hatte das Architekturbüro Swiatkowski und Suerkemper. Volker Swiatkowski ging es um vieles bei diesem Projekt, maßgeblich aber um „einprägsame Strukturen“. Übersetzt hat er diesen Anspruch in drei Cluster für die drei Jahrgangsstufen und einen Winkel für Foyer, Fachklassen, Pausenhalle sowie Mensa/Forum/Saal. Der teilbare Saal mit Bühne, der auch als großes Lehrerzimmer genutzt werden kann, hat eine Größe von 550 qm und ermöglicht 500 Sitzplätze. Bei einem Stehevent können bis zu 1.000 Besucher Platz finden. Abgerundet wird dieser Gebäudekomplex von der Mediothek, die in der 1. Etage untergebracht ist. Die Cluster haben jeweils eine eigene, durchgängig benutzte Farbe. Damit findet jede Jahrgangsstufe leicht den Weg in die jeweilige Klasse. Die einzelnen Klassenstufen in den drei Clustern ziehen sich wie ein stehendes „U“ durch die Gebäude. Große Glaselemente prägen die Optik, kontrastiert von einer Ziegelstruktur, die sich nach innen zieht. Pfiffiges Detail: Die verwendete Betonschalung lässt eine Holzoptik entstehen, die bestens zu den großzügig verbauten Holzflächen passt. Auffällig ist eine reduzierte Materialvielfalt. Sie wirkt entspannend und edel zugleich. Auch das Beleuchtungskonzept lässt den hohen Anspruch an eine hochwertig ausgestattete Schule erkennen.

Wenn der Architekt von vielen gestalterischen und konstruktiven Höhepunkten sprach, dann gilt das auch für reichlich technische Finessen. Dazu zählt ein einmaliges Energiekonzept mit ausgeklügelter Heizungs- und Lüftungstechnik, erklärte der städtische Energiebeauftragte, Burkhard Alkemeier. Eine außergewöhnlich gute Dämmung mit Dreifachvergasung der Fensterflächen ist nur ein Bestandteil. In der Summe, so Alkemeier, werde damit beinahe ein Passivhausstandard erreicht. Bei der Lüftung entschieden sich die Ingenieure für ein raumbezogenes System, das eine individuelle Einstellung erlaubt. Damit lässt sich der Temperatur- und Luftwechsel genauestens anpassen. Im Sommer schützt die Sonnenschutzverglasung vor einer ungewünschten Aufwärmung. Lamellen lassen Licht durch, reduzieren aber den Wärmeeintrag. Der großzügig eingesetzte Sichtbeton dient als Speichermasse zur Nachtabkühlung. Die verbauten Schallschutzvorrichtungen nehmen nicht den ganzen Deckenraum ein, sondern wurden exakt mit freien Betonflächen kombiniert. Die Klassen werden tageslichtabhängig von Linienleuchten beleuchtet, die sich bei längerer Nichtbenutzung der Räume selbstständig ausschalten. In Fluren, Sanitärbereich, Pausenhalle und Foyer kommen LEDs zum Einsatz. Geheizt wird über die Lüftungsanlage. Weil zur Liegenschaft ein Lehrschwimmbecken zählt, macht der Einsatz eines Blockheizkraftwerkes Sinn. Die gesamte Technik kann der Hausmeister über eine Gebäudeleittechnik regeln. Erleichterung und Freude natürlich nicht nur bei den Planern und Machern vom Bau, auch die Schule kann es kaum erwarten, in den neuen Räumen loszulegen. Schulleiter Ludger Montag erinnerte sich genau an den Tag der Vorstellung der Pläne und war „ganz schnell überzeugt“: „Schon im Vorentwurf war das meine Schule.“ Was nicht bedeutete, dass kein weiterer Einsatz erforderlich war: „Ich habe für jede Glasscheibe gekämpft.“ Die Ganztagsräume hätten mehr sein können, meinte der Pädagoge, „aber für einen guten Schulbetrieb ist alles da“. Und was sagen die Eltern zu dem Ausnahmeprojekt? Sie waren von Anbeginn in die Pläne einbezogen worden. „Keine Selbstverständlichkeit“, räumte Sprecherin Martina Osburg ein. Wichtig sei es gewesen, kein „dunkles Loch“ zu bauen. Genau das sei total gelungen, nämlich ein lichtdurchflutetes Gebäude.

Zum neuen Schuljahr werden knapp 850 Schüler in der Gesamtschule unterrichtet. Erst im übernächsten Schuljahr wird die Schule ihre volle Größe erreicht haben.
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