26.08.2017

Überall wächst und brummt es

Lippstadt. (-ger) Früher, was nicht lange zurückliegt, da radelte Bürgermeister Christof Sommer nach einem weniger erfreulichen Arbeitstag zur entstehenden Hochschule. Das baute auf. Seine große Begeisterung für Kräne ist geblieben. Lange suchen muss er in Lippstadt danach nicht. Die Stadt Lippstadt und seine Bürger bauen weiter, und das mit großem Tempo.
Neue Baugebiete laufen rasend schnell voll, was einer Bezirksregierung erst einmal beigebracht werden muss. Die nämlich hatte eine ganz andere Prognose vor Augen. Auch die Stadt selbst ist von der Entwicklung, wenn nicht kalt erwischt, gleichwohl überrascht worden. In seinem schon traditionellen „Sommergespräch“ sind die Zahlen, die Lippstadts außerordentliches Wachstum unterlegen, sein Ding. Einwohner, Zuzüge, Beschäftigung, Wohnbauflächen und Kitaplätze: Daten über Daten. Präsentiert wird das alles im Evangelischen Krankenhaus. „Anfangen tut alles hier“, lautet seine Begründung.

„Wachstum verpflichtet“ überschreibt der Rathauschef seinen Dialog mit der Presserunde, was Gastgeber und EVK-Geschäftsführer Jochen Brink als „Steilvorlage“ gerne aufgreift und mit Statistik untermauert. Danach zeigen die Geburtszahlen eine „leicht stetige Entwicklung nach oben“. Konkret: 2015 gab es per Ende Juli 691 Neugeborene, 2016 schon 719 und in diesem Jahr 735. Wo in Lippstadt Infrastruktur mitwachsen muss, um mit der Einwohnerentwicklung standzuhalten, leidet in anderen Städten das Gemeinwesen unter dem Schwund. Krankenhäuser etwa rutschen unter die notwendige Betriebsgröße und benötigen Sicherstellungszuschläge, weiß Krankenhaus-Experte Jochen Brink. Davon kann in Lippstadt keine Rede sein. Im letzten Jahr beurkundete das Standesamt 644 Geburten, stellt Sommer fest. Damit wurden beinahe die Sterbefälle aufgefangen. Das waren 653. Noch vor zehn Jahren gab es ein Delta von 100 Sterbefällen, in der Spitze in den vergangenen Jahren sogar 200. Inzwischen ist die Stadt aus sich heraus stabil. Und sie ist obendrein Zuzugsstadt, wie der Bürgermeister betont. Aktuell leben nach eigener Statistik 72.928 Menschen in der Stadt. Das Kommunalprofil für Lippstadt hat der Landesbetrieb IT Ende Mai aktualisiert. Danach ist auffällig, dass sich Lippstadt seit 2010 positiver entwickelt hat als die Vergleichsgruppe der großen Mittelstädte. Die Stadt profitiert nicht nur von starken Geburtenzahlen, auch die Zahl der Zuzüge beflügelt in den letzten Jahren die Statistik. So ermittelte die Stadt für das letzte Jahr 4.041 Zuzüge und 3.178 Wegzüge. Wesentliche Ursache für diesen Zuspruch ist die Arbeitsmigration.

Die Wirtschaftsförderung hat immer ein Auge darauf und natürlich der Bürgermeister auch: Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten eilt von einem Hoch zum nächsten. Zum letzten Stichtag am 30. September 2016 kletterte die Fieberkurve auf den neuen Rekordwert von 34.437. Das waren 202 mehr als im Vorjahresquartal. Hier schlugen sich vor allem die Steigerungen bei den weiblichen Arbeitnehmern und Teilzeitbeschäftigten nieder. Ebenfalls auf Topniveau: die Zahl der Betriebsstätten. Selbstständige und Freiberufler addiert, schaffen in Lippstadt 43.508 Erwerbstätige. Ebenfalls zum Stichtag 30. September waren in Lippstadt 1.624 Betriebe am Netz. Wo so viele Arbeitnehmer ins Rad greifen, sind auch Kräfte von außen gefragt. Nach dem im Januar dieses Jahres vom Landesbetrieb Information und Technik vorgelegten Pendleratlas lag der Saldo zum Erhebungstag 30. Juni 2015 bei 8.493. 21.099 Menschen pendelten ein, 12.606 verließen die Stadt. 22.409 Personen waren innergemeindliche Pendler im Sinne der Pendlerrechnung, bei denen Lippstadt sowohl Wohn- als auch Arbeitsort ist.

Millionen Euro sind es inzwischen für den laufenden Betrieb. Das entspricht einer Verdopplung in den letzten zwölf Jahren. Ein Ende scheint nicht in Sicht. „Der Kita-Ausbau wird weitergehen“, ist sich Christof Sommer sicher. 39 Einrichtungen gibt es bereits, die jüngste entsteht gerade im Norden der Kernstadt an der Von-Are-Straße. 3.850 Kinder zwischen null und sechs Jahren wohnen in der Stadt. Wieder ein statistischer Irrtum. Denn die Prognose ging 2011 von 200 Kindern weniger aus. Tatsächlich sind es 525 Kinder mehr geworden als vorausberechnet. Fakten, Fakten, Fakten: dazu zählen auch die Flüchtlingszahlen. 1.300 hat Lippstadt seit 2013 aufgenommen. Im Moment sind die Zuweisungen versiegt, lediglich vereinzelt kommen Schutz suchende Menschen in die Stadt. In den 28 Übergangsheimen sind derzeit 600 Flüchtlinge untergebracht. Der angespannte Wohnungsmarkt ist auch für diesen Personenkreis spürbar. Denn die Anmietung privaten Wohnraums ist äußerst schwierig und auch für die vermittelnden Personen ein „höllenschweres Geschäft“, erklärt der Ratschef. Wie es mit den Zuweisungen weiter geht, das vermochte Sommer nicht einzuschätzen. Aber das Afrika erst losgehe, diesen Eindruck teilt er.

In der jüngeren Vergangenheit hat Lippstadt zahlreiche neue Baugebiete ausgewiesen. Dabei wird es nicht bleiben. Denn: Was andernorten zum Ladenhüter wird, ist in Lippstadt im Nu vergriffen. Mit der Bezirksregierung ist ein Wohnbauflächenbedarf von 71 Hektar ausverhandelt worden, der bis 2030 entwickelt werden soll. Damit geht es zeitnah voran. Der Stadtentwicklungsausschuss wird sich Mitte September mit der Realisierung des Bebauungsplans Boschstraße beschäftigen. Das Siedlungsverteilungsmodell im Südwesten sieht 6,4 Hektar Bauland vor. Nach dem Ratsbeschluss Ende September soll mit der Erschließung begonnen werden. Im Nordwesten sind in zwei Entwicklungsstufen 15 Hektar in der Überplanung. Ende Herbst sollen Bürgergespräch und frühzeitige Beteiligung der Träger öffentlicher Belange beginnen, im Frühjahr die Auslegung geschehen und im Sommer 2018 der Satzungsbeschluss erfolgen. Auch in Cappel tut sich wieder was. Für den Bereich Große Kirmes Nord ist der Beschluss der öffentlichen Auslegung für den 12. Oktober im Stadtentwicklungsausschuss geplant. Nach der Auslegung am Ende des Herbstes ist für Anfang 2018 der Satzungsbeschluss getaktet. In Cappel geht es um eine Fläche von drei Hektar. Über die Planungsphase hinaus ist das Vorhaben Sandstraße in Lipperode. Hier wird das Areal für drei bis vier Einfamilienhäuser und acht Reihenhäuser erschlossen. Die Planungskapazitäten der Stadt sind damit bis an die Decke ausgelastet, muss Sommer erst gar nicht unterstreichen. Zumal da viele viele andere Projekte in der Warteschlange stehen: Stadttheater, Zweifach-Sporthallen, Dreifachsporthalle, die Entwicklung am Jahnplatz und, nicht zu vergessen: das Stadthaus. Im September soll es zum Schwur im Stadtrat kommen. Dabei warf Sommer ganz nebenbei eine bemerkenswerte Zahl ein: 162.000 Euro Miete zahlt die Stadt im Jahr für ihre angemieteten Amtsstuben. „Langweilig wird’s dadurch nicht“, fasst er zusammen. Und könnte noch weiter ausholen. Denn im nächsten Jahr kommt als weitere Aufgabe eine Verkehrsentwicklungsplanung für die Stadt hinzu. Übergangen haben wir dann noch die ehrgeizigen Pläne für die „Grüne Infrastruktur Lippstadt Südwest“ und den Bereich Tivoli. Die Stadt erhofft sich den Zuschlag für erhebliche Zuwendungen des Landes und damit deutliche Quartierverbesserungen. Die eiligst vom Rat abgehakten Anträge liegen seit Monaten in Düsseldorf. Eine Antwort steht aus. Hier gibt’s also noch keine Zahlen.
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