16.09.2017

Kinderboom zwingt zum Umplanen

Lippstadt.(-ger) Der ungeahnte Anstieg der Kinderzahlen hinterlässt deutliche Spuren in der Bedarfsplanung für Betreuungseinrichtungen und Schulen. So steht die Ampel für die Kitaversorgung mit Blick auf das Kindergartenjahr 2019/2020 auf „Rot“, wie Ressortchef Manfred Strieth im Jugendhilfeausschuss sagte. Entgegen der Prognosen des Statistikbetriebs des Landes it.nrw und der Bertelsmann-Stiftung ist die Zahl der Kinder unter sechs Jahren um 10 Prozent gestiegen. Am 1. August gab es 3.850 Kinder zwischen 0 und 6 Jahren in der Stadt, 336 mehr als vor sechs Jahren. Die Differenz genügt, um mehrere Kitas zu füllen.

Vor allem seit den letzten drei Jahren boomt es. Besonders auffällig ist für die Sozialverwaltung die aktuelle Zahl der Neugeborenen bzw. Kinder unter einem Jahr. Mit 689 Kindern verzeichnet die Statistik für die letzten 15 Jahre einen neuen Rekord. In der Folgezeit geht die Stadt auf der Basis der Durchschnittswerte der letzten Jahrgänge von Geburtenzahlen zwischen 630 und 650 aus.

Sozialexperte Strieth unterstrich im Fachausschuss, dass die Orientierungsdaten nur eine erste Einschätzung seien, dennoch richtet sich die Stadt auf die Entwicklung ein und zieht Schlüsse. Sie betreffen vor allem das Kita-Angebot für über Dreijährige. Seit August 2013 besteht für Kinder bis zu ihrer Einschulung ein Rechtsanspruch, für Kinder unter einem Jahr allerdings eingeschränkt. Während für Kinder über drei Jahre nahezu eine 100-prozentige Betreuung nachgefragt wird, machen bei weitem nicht alle Eltern von Kindern unter drei von ihrem Anspruch Gebrauch. Auf der Grundlage aktueller Daten reicht nach Einschätzung der Fachverwaltung eine Versorgungsquote von 40 Prozent aus. „Perspektivisch“ rechnet die Stadt aber auch hier mit einer stärkeren Nachfrage. Ein anderes Bild zeichnet sich bei der Versorgung mit Ü3-Plätzen ab. Die Kommune kann zurzeit den Rechtsanspruch umsetzen, auch wenn’s „regional klemmt“, in den nächsten Jahren läuft die Stadt aber auf eine beachtliche Unterversorgung zu. Maßgeblich im Südwesten der Stadt zeichnen sich gravierende Defizite ab. Die Versorgungsquote erreicht nicht einmal 80 Prozent. Hier lebt nahezu ein Viertel der 3.850 Kinder unter sechs Jahren. Die Stadt hat ermittelt, dass in den Kita-Jahren 2020/21 und dem Folgejahr 117 bzw. 118 Plätzen fehlen. Bis 2025 geht das Delta auf 57 zurück. Es gibt bereits 39 Kitas in der Stadt. Sollte das Landesjugendamt die zeitlich befristeten Zusatzgruppen in den Einrichtungen Maria Frieden, St. Elisabeth, Am Wasserturm und Wichern nicht verlängern, wären aktuell weitere 50 Plätze betroffen. Klarer Fall für den Ressortchef: „Wir müssen in den nächsten eineinhalb Jahren etwas tun, um den Rechtsanspruch zu erfüllen.“ Justiert die Stadt nicht nach, sinkt die Versorgungsquote für die über Dreijährigen auf unter 95 Prozent, für unter Dreijährigen pendelt nahezu konstant um die 40-Prozent-Marke.

Relativ entspannt darf die Stadt hingegen auf die Grundschulen schauen. „Die Politik hat gut daran getan, keine Schule zu schließen“, betonte Strieth. Bei einer maximalen Aufnahmekapazität von 3.200 Schülern kann es an einzelnen Innenstadtschulen zu temporären Anmeldeüberhängen kommen, insgesamt aber hat die Kommune keine Mühe, die bis 2025 ansteigenden Schülerzahlen an Grundschulen zu handeln. Im letzten Jahr des Zeitrahmens wird mit der höchsten Kinderzahl gerechnet. Dann soll es 2.626 Kinder in den zehn Grundschulen mit ihren drei Teilstandorten geben. Obwohl die Zahlen auf den ersten Blick gut aussehen, gab es vom Ressortleiter keine Bestnote. Für eine grüne Ampel reichte es jedenfalls nicht. Ursache sind die schulischen Betreuungsangebote. Hier spielen sowohl die erhöhten Schülerzahlen als auch die wachsende Nachfrage nach ergänzender Betreuung hinein. Die Verwaltung glaubt, an der einen oder anderen Stelle nachsteuern zu müssen, um Platz für die offene Ganztagsgrundschule zu schaffen. Auch abzuwarten bleibt aus Sicht der Verwaltung, ob der politisch andiskutierte Rechtsanspruch in der offenen Ganztagsgrundschule durchgesetzt wird.

Bleiben die weiterführenden Schulen. Hier sorgen verschiedenste Wirkkräfte für ein komplexes Bild. Dazu zählen bislang stark schwankende Zahlen beim Übergang von den Grundschulen: von 680 bis 850. Mit mehr als 4.500 Kindern in den Klassen 5 bis 10 sind viele Schulen in den letzten zehn Jahren an den Rand ihrer Möglichkeiten geraten, es gab aber auch einzelne Einrichtungen mit Aufnahmekapazitäten. Insgesamt liegen die gegenwärtig zwischen 4.600 und 4.700. Mit 4.562 Schülern ist der Höchstwert im zurückliegenden Schuljahr erreicht worden, die Prognosen sehen bis 2024/25 einen Rückgang auf 4.290 Schüler vor. Dann soll jedoch schon wieder die Talsohle durchschritten sein, die 2021/22 passiert wird. Nach den Auswirkungen von demografischem Wandel und vorgezogener Einschulung erwartet die Verwaltung mit Beginn des Schuljahres 2022/23 wieder einen moderaten Anstieg der Schülerzahlen. Der soll sich wegen der Geburtsentwicklung auch über das Jahr 2025 hinaus fortsetzen. Spannung im Gefüge dürfte bei einer Umstellung aller Lippstädter Gymnasien auf das Abi nach neun Jahren zu erwarten sein. Die Verwaltung kalkuliert dann mit deutlich steigenden Schülerzahlen in der Sekundarstufe I schon ab 2024. Größere Unruhe sieht die Kommune aber nicht: „Nach ersten vorsichtigen Einschätzungen könnte der Umstieg auf ein G9-Abitur mit den vorhandenen Raumkapazitäten gelingen.“ Doch Vorsicht ist angebracht. Obwohl die Verwaltung die Stadt bei den Angeboten der weiterführenden Schulen bis 2025 „relativ gut aufgestellt“ sieht, geht sie doch in Einzelfällen von der Notwendigkeit aus, an einzelnen Schulstandorten bzw. Schulformen „temporäre Erweiterungen vorzunehmen“. Hintergrund seien überholte Prognosedaten mit deutlich sinkenden Schülerzahlen im Bereich der Sek. I und damit verbunden den erwarteten Schulschließungen, die wegen der Bevölkerungsentwicklung aber nicht mehr notwendig oder möglich seien. Eines wurde bei der Betrachtung dieser Orientierungsdaten auch deutlich gemacht: Ohne die Zuwanderung hätte die Stadt schon heute erheblich sinkende Schülerzahlen.
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