23.09.2017

Durschlafen mit Mini-KiSS

Lippstadt. (-tt) Gesunder Schlaf ist unentbehrlich für die körperliche und geistige Regeneration. Er hat großen Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit. Das gilt auch für die Kleinsten. Doch das Ein- und Durchschlafen fällt vielen Kindern schwer, denn auch Schlafen will gelernt sein.
Rund 25 Prozent der Kinder haben Durch- und Einschlafprobleme, hat die Universität Bielefeld in ihrer Kinderschlafstudie (KiSS) zur Behandlung von Schlafschwierigkeiten bei Säuglingen und Kleinkindern festgestellt und möchte mit dem sogenannten Mini-KiSS-Schlaftraining das Ausmaß der Schlafbeschwerden von Kindern und der damit einhergehenden Belastungen für Kind und Familie mindern. Mit zwei Doktorandinnen setzt die Lehrstuhlinhaberin für klinische Psychologie und Psychotherapie für das Kindes- und Jugendalter an der Uni Bielefeld, Prof. Dr. Angelika Schlarb, das Schlaftraining in der Praxis um – eine davon ist Friederike Lollies aus Lippstadt, die ihre Doktorarbeit über das Programm schreibt. Lippstadt am Sonntag“ sprach mit ihr über das Mini-KiSS-Schlaftraining.

Dieses Programm ist auf die Behandlung von Säuglingen ab einem halben Jahr und Kleinkinder bis zu vier Jahren mit Schlafschwierigkeiten und Regulationsproblemen abgestimmt. Dass die Mini-KiSS nun auch in Lippstadt angeboten wird, ist Friederike Lollies, einer der Projektleiterinnen, zu verdanken. „Es ist aus der Not entstanden, dass ich in Elternzeit war und beginnen wollte, Daten zu erheben, aber es war nicht möglich, mehrmals die Woche nach Bielefeld zu fahren“, erinnert sich Lollies, die seit 2015 Doktorandin für Kinder- und Jugendpsychologie an der Uni Bielefeld ist, wo sie derzeit von Marisa Schnatschmidt vertreten wird, die ebenfalls über die Kinderschlafstudie promoviert.

In der Benninghauser Zahnarztpraxis von Lollies‘ Schwiegervaters waren schnell geeignete Räume gefunden, und sie machte sich auf die Suche, um betroffene Familien zu finden. Im Hella-Kinderhaus in Lippstadt und im Kindergarten „Pfiffikus“ in Overhagen sowie bei den „Landkindern“ in Mönninghausen stieß sie mit ihren Vorträgen zu dem Schlaftraining auf reges Interesse. Seit Juli betreut sie insgesamt zwölf Familien, von denen drei das Programm bereits durchlaufen haben – mit Erfolg. Wurde das Mini-KiSS vorab in Bielefeld und Thübingen als Gruppentraining erprobt, bietet Lollies es in Einzelsitzungen an. „Wir sind die Schlafspezialisten – vom Baby bis zum Erwachsenen. Unser Programm zielt darauf ab, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Dazu arbeiten wir ausschließlich mit den Eltern“, so Lollies. Und während Mini-KiSS auf Säuglingen und Kleinkinder abgestimmt ist, gibt es noch die KiSS für Schulkinder, das Programm „Studieren im Schlaf“, das auf Studenten zugeschnitten ist sowie ein Reha-Projekt, das in Kliniken angewendet werden kann.
Um das Forschungsprojekt auf eine breite Basis zu stellen und langfristig in ganz Nordrhein-Westfalen anbieten zu können, sind Kooperationen mit Kinderärzten geplant. In Lippstadt arbeitet Lollies bereits mit einer Kinderärztin zusammen: „Wenn sie organische Ursachen für die Schlafprobleme ausschließen kann, verweist sie die Familien an mich.“

Das Schlaftraining umfasst sechs einstündige Sitzungen und startet mit einer ausführlichen Diagnostik. Dabei erfasst Lollies die Faktoren, die zur Entstehung der Schlafbeschwerden beigetragen haben. In den weiteren Sitzungen geht es vor allem um die häufigsten Ursachen von Schlafschwierigkeiten bei Kindern. Dabei bekommen die Eltern viele kreative Ideen und Tipps an die Hand, um eine Veränderung herbeizuführen, so zum Beispiel mit „Kalimba“, dem Zauberleoparden, mit dessen Hilfe Kinder die Kompetenz entwickeln können, von selbst wieder in den Schlaf zu finden.

„Der Mechanismus, alleine einzuschlafen, reguliert sich bei uns Erwachsenen selbst, aber viele Kinder haben diese Selbstkompetenz noch nicht gelernt und können zum Beispiel aus Gewohnheit nur im Beisein der Eltern einschlafen. Wir geben Ratschläge, damit das Kind die Möglichkeit bekommt, alleine einzuschlafen“, erläutert die zweifache Mutter und betont, dass der Weg dorthin, eine beharrliche Umsetzung des Schlaftrainings verlange: „Wenn man etwas ändern möchte, geschieht es nur mit einem Plan und konsequentem Erziehungsverhalten, und es ist immer mit Aufwand verbunden. Und wenn man merkt, das Kind wird müde – und das kann bei kleinen Kindern auch schon mal um 17:30 Uhr sein – sollte man ihm helfen, in den Schlaf zu kommen und nicht einen Tagesablauf aufzwängen. Wichtig ist auch ein gleichbleibendes Abendritual, das individuell erarbeitet wird.“

Schritt für Schritt nähert sich Lollies in den Sitzungen gemeinsam mit den Familien dem Ziel: „In erster Linie geht es um den Schlaf, und das ganze Konstrukt Familie kommt dann dazu. Wir versuchen den Eltern die Augen zu öffnen, wie das Verhalten des Kindes funktioniert. Am Ende profitieren auch die Eltern, die wieder Zeit für sich haben.“

Aktuell ist das Programm noch kostenlos, und die Diagnostik wird über die Krankenkasse abgerechnet. „Wenn wir an einem gewissen Punkt genug Daten haben, um die Studie zu veröffentlichen, wird das Programm trotzdem weiter bestehen. Ob ich weiter das Einzeltraining anbiete oder vielleicht auch ein Gruppentraining, mache ich davon abhängig, wie viele Anmeldungen wir bekommen.“

Auch wenn Lollies in etwa einem Jahr ihre Doktorarbeit abschließen wird und danach in die Ausbildung zur Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin geht, soll das Mini-KiSS in Lippstadt weitergeführt werden. Denn von den beiden Hospitantinnen, die in Bielefeld an dem Projekt mitarbeiten, kommt eine nach Lippstadt.

Entwickelt und erforscht wurde das Mini-KiSS in Thübingen. „Mittlerweile haben wir mehrere hundert Beratungen durchgeführt. In Bielefeld sind wir vor einem Jahr angefangen, es als strukturiertes Forschungsprojekt zu etablieren“, so Prof. Dr. Angelika Schlarb im Gespräch mit LaS. Noch finden die Beratungen überwiegend in Bielefeld statt, denn dort befindet sich die psychotherapeutische Ambulanz für Kinder und Jugendliche. „Aber wir wollen es in mehreren Zentren in der Nähe von Bielefeld weiter erforschen und langfristig eine flächendeckende Versorgung in NRW herstellen“, unterstreicht Schlarb.

Der Erfolg zeige, dass das Programm sehr effektiv bei den unterschiedlichsten Familien funktioniere und nicht nur das Schlafen, sondern auch die psychische Entwicklung verbessere. Schlarb: „Insgesamt behandeln wir Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Eltern können sich bei uns melden, wenn ihre Kinder nicht in den Schlaf finden, Albträume haben, morgens nicht fit sind oder nicht durschlafen.“

Interessierte wenden sich an die Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft, Tel. 0521/ 1064507.
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