07.10.2017

Aufbruchstimmung in der Kulturpolitik

Lippstadt.(-ger) Zwischenfragen waren ausdrücklich erwünscht, aber erst nach den Handlungsvorschlägen kam Leben in den Schul- und Kulturausschuss. Der erlebte am Mittwochabend wegen Terminüberschneidung nur bei bei wenigen Besuchern eine „Premiere“, wie die Vorsitzende des Gremiums, Sabine Pfeffer (SPD), eingangs betonte. Noch nie zuvor war die Kultur- und Kreativwirtschaft in Lippstadt Gegenstand einer eingehenden Betrachtung. Das sollte sich und soll sich weiter ändern. Nachdem der Fachausschuss im Zusammenhang mit der Kulturentwicklungsplanung die Wirtschaftsförderung um einen Bericht zur Kulturwirtschaft gebeten hatte, vergab die Stadt den Auftrag für ein Gutachten. Durchführendes Büro war STADTart Dortmund. In einer Studie für Soest hatten diese Planer auch Daten für Lippstadt erhoben.

Danach gab es 2009 190 Unternehmen und Selbstständige. Sie hatten neben den freiberuflich Selbstständigen weitere 450 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und erzielten einen Umsatz von 60 Mio. Euro. „Die direkten Beschäftigungseffekte entsprechen denen eines größeren mittelständischen Unternehmens im produzierenden Bereich“, unterstrich Fachdienstleiter Wolfgang Strebow in seiner Ausschussvorlage die Bedeutung der Branche. Gleichwohl werde gerade der erwerbswirtschaftliche Sektor bis heute „nur in geringem Maße wahrgenommen“. Dabei hat sich die Kulturlandschaft in der Stadt in den letzten Jahrzehnten spürbar verändert. In der trisektoral (öffentlich gefördert, zivilgesellschaftlich organisiert und erwerbswirtschaftlich aufgestellt) präsenten Branche ist die Zahl der Kulturangebote von 1970 bis 2015 von 24 auf 53 Anbieter gewachsen, erklärte der Geschäftsführer des Gutachterbüros, Ralf Ebert. STADTart ist ein ausgewiesener Kenner der Kultur- und Kreativszene und hat auch im Auftrag des Landes NRW für den 1. Landeskulturbericht eine Untersuchung zur „Entwicklung des trisektoralen Kulturangebotes zwischen 1970 und 2015 in den Städten Dortmund und Lippstadt, Dortmund 2017“ erstellt. Der Gutachter kommt darin zu der Überzeugung, dass die kommunale Kulturpolitik „stärker struktur-, kontext- und prozessbezogen angelegt werden sollte“. Nicht nur die Verteilung von Subventionen stünde dabei im Vordergrund, „sondern die Gestaltung der Beziehungen zwischen den Anbietern und Initiativen in den Kultursektoren“. In dem Landeskulturbericht ist von einer „Kulturentwicklungsplanung 3.0“ die Rede. Die sei „wohl deutlich komplexer als frühere Entwicklungskonzepte und damit vermutlich auch aufwändiger, eröffnet aber den Kommunen vielfältige, bislang kaum genutzte und auch ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten“.

Was dem Ausschuss zunächst geboten wurde, war gerade keine Offenbarung. Abgesehen von den reinen Fakten. Der Gutachter hatte vielerlei Daten zusammengestellt und auch eine Befragung in der Branche durchgeführt. Das Büro zählte 2014 auf der Basis offizieller Zahlen 119 Unternehmen mit Einnahmen von mehr als 17.500 Euro. Somit waren 5,2 Prozent aller Betriebe dieser Branche zuzuordnen. Im Kreis Soest gibt es 527 Unternehmen der „K- und K-wirtschaft“. Die meisten Unternehmen in Lippstadt waren Architekturbüros (28), dem Designmarkt zuzurechnen (27) oder arbeiteten auf dem Werbemarkt (20). Besonders relevant für den Arbeitsmarkt waren der Pressemarkt sowie die Software/Games-Industrie. Das entspricht dem Level beim Besatz der Unternehmen in den Vergleichsstädten Lüdenscheid, Rheine, Herford, Wesel oder Minden. Klar ist für den Gutachter, dass Lippstadt in dieser Branche keine Spitzenumsätze erzielt, die Beschäftigungseffekte seien aber vergleichbar. Die Branche zählte in Lippstadt 767 Mitarbeiter. Eine Befragung unter den 143 festgestellten Betrieben, an denen sich 43 Anbieter beteiligten, erhellte das Meinungs- und Stimmungsbild vor allem unter Architekten, Designern und Mitarbeitern in der Werbung. Die Auswertung machte eine junge Branche deutlich, in der ein Drittel der Akteure erst nach 2000 gegründet wurde. Die Unternehmen sind sehr kleinbetrieblich strukturiert und bedienen zur Hälfte einen lokalen Markt. Aber es gibt auch regionale und sogar bundesweit aufspielende Player. Beim Saldo der Zukunftsaussichten überwiegen die positiven Aussichten für die Beschäftigungs- und Umsatzlage. In einer wirtschaftlich starken Region mit einer mittelständisch geprägten Kundschaft schätzen die Betriebe den großen Einzugsbereich von Kommune und dem Kurtourismus und sehen Chancen durch Spin-off-Effekte der Fachhochschule. Aber in den Kreisen geht auch die Sorge über den Niedergang des Einzelhandels um. Die Befragten sehen Risiken im Standortwettbewerb mit den Großstädten, durch die Digitalisierung, einen sich verschärfenden Wettbewerb, die Beeinträchtigung der Standortqualität und den Verlust der Innovationsfunktion für andere Branchen. Auf Nachfrage von Klaus Laufkötter (CDU) unterstrich der Gutachter, dass es hier nicht um objektive Einschätzungen gehe, sondern Wahrnehmungen, aber diese spielten bei den Handlungen der Akteure eine Rolle. „Wir tun schon einiges; vielleicht nicht genug“, wollte Laufkötter doch festgestellt wissen.

Kein Zweifel für den Gutachter: Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist sowohl für das Außen- als auch Innenimage der Stadt von hoher Bedeutung. Aber was sind wichtige Standortfaktoren? Das sind zunächst preiswerte Gewerbe- und Büroflächen, in denen kreative Köpfe arbeiten, eine ansprechende Lebens- und Freizeitqualität, die kulturelle Szene, aber auch persönliche Gründe wie ein früheres Studium oder die Liebe sprechen ein Wort mit. Ralf Ebert zeigte den Schul- und Kulturpolitikern auf, dass hier in jedem Fall eine relevante Branche beleuchtet werde, für die es Entwicklungspotenziale gebe, maßgeblich in der Werbe- und Designwirtschaft sowie dem Architekturmarkt. Hier sollten die Stärken gestärkt werden. Umgekehrt empfahl der Gutachter, die Schwächen, etwa im Kunstmarkt oder der Musikwirtschaft, zu minimieren.

Am Ende gab es konkrete Handlungsempfehlungen: Branchentreffen initiieren, überregional agierende Betriebe mit in die Standortbroschüren aufnehmen, mit der Fachhochschule und dem Hanse-Netzwerk vernetzen und ein Beratungsnetzwerk aufbauen, Kultur- und Freizeitviertel der 2. Generation wie in Unna, Pulheim bei Köln oder dem Werkraum Bregenzerwald aufbauen. „Es ist was möglich. Es ist nicht so, dass in Mittelstädten nichts möglich ist“, fachte der Gutachter den Schaffensdrang an.

Der Ausschuss habe „viele Neuigkeiten“ erfahren, freute sich die Ausschussvorsitzende Pfeffer über Erkenntnisse und Impulse. Um was es dabei geht, verdeutlichte Fachdienstleiter Streblow nachdrücklich. Zwar werde immer von niedrigen Prozentzahlen gesprochen, die Wirkung dieser Branche aber sei umgekehrt proportional. Und sie reiche in die Stadt hinein, etwa bei einer Plakatgestaltung. Auch ein Auto sei ohne Design nicht möglich. Deshalb sei es „extrem wichtig“, sich mit diesem Bereich zu befassen. Gerade deshalb sah Streblow den Fachausschuss in der Pflicht.

Für Klaus Marke (Linke) war das eine Steilvorlage. Seit Jahren fordern die Linken ein Kulturzentrum mit hoher finanzieller Verpflichtung für die Stadt. Über das Angebot müsse die Stadt nachdenken, positionierte sich der Gutachter, aber ob dieses Zentrum dann öffentlich getragen werde oder nicht, das stehe auf einem ganz anderen Blatt. Allerdings sollte es seiner Meinung nach ein Angebot für junge Leute geben. Für Josef Niehaus (SPD) waren die Ergebnisse der beste Beweis für die Notwendigkeit eines solchen Gutachtens. Es sei auch gut zu wissen, dass der Fachausschuss Impulsgeber sei. Niehaus zog gleich praktische Konsequenzen und forderte bei der Planung des Stadthausquartiers an Wohn-, Kultur- und Freizeit zu denken und die Möglichkeit von Heimbüros zu berücksichtigen. Die Erkenntnisse aus dem Gutachten sollten kontinuierlich in die Strukturen eingearbeitet werden, regte er an und wünschte sich die Beteiligung von Wirtschaftsförderung (WFL) und Stadtentwicklungsausschuss. Im Ausschuss kam diese Überlegung gut an. Die Verwaltung sicherte dann auch zu, diesen Prozess in Gang zu bringen. Raumangebote in Neubauten zu schaffen, hielt der Gutachter aber nicht für eine wirkungsvolle Idee. Das dauere zu lange, das Co-Working könne provisorisch angelegt und auf eine temporäre Nutzung ausgelegt werden, empfahl er schnell umsetzbare Lösungen. Der Sprecher des Kulturrates, Heinz-Bernd Passgang, hob im Ausschuss den Qualitätsgedanken hervor. Zwar bestehe in Lippstadt ein sehr gutes kulturelles Angebot, aber mit Blick auf konkurrierende Städte und die Mitarbeiterakquise heimischer Betriebe in den Metropolen der Republik müsse es Ziel sein, das Angebot qualitativ zu steigern und das Niveau zu heben. Gutachter Ebert konnte nur unterstreichen, wie wichtig eine ansprechende kulturelle Landschaft für die Gewinnung von Mitarbeitern ist: „Kultur ist nicht ein nice to have, sondern ein must have.“ Jetzt geht’s los, mochte sich Ausschussvorsitzende Pfeffer gedacht haben und sprach über das Gutachten von einer „Initialzündung“, aus der Nektar gezogen werden solle. Das klang viel edler und weniger kleinmütig als der Puppen- und Kreiselstreit.
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