09.12.2017

Bitte Platz nehmen in nagelneuen Sesseln

Lippstadt. (-ger) Die technische Sanierung des Stadttheaters ist für den Städtischen Musikverein nicht nur finanziell eine Herausforderung, aber auch. Für die Saison 2018/19 werden die Sinfoniekonzerte in anderen Räumen stattfinden müssen. Damit fallen Mieten, Heizkosten und weitere Personalausgaben an. Zugleich rechnet der Verein mit rückläufigen Einnahmen, weil die Gäste womöglich den neuen Standort nicht so annehmen. Schon jetzt beklagt Vorsitzender Dr. Peter Knop einen deutlichen Einnahmeausfall beim Silvesterkonzert, das in der Aula der neuen Gesamtschule gegeben werden soll.
Der Grund ist klar: Das Stadttheater bietet 787 Plätze, die Aula lediglich 450. Der Verein hat sich wegen der zu erwartenden Verschlechterung der Finanzlage einen weiteren Zuschuss von 11.000 Euro über den bisherigen Finanzplan von 120.500 Euro erbeten. Nach dem Fachausschuss stimmte der Haupt- und Finanzausschuss am Montagabend erwartungsgemäß zu. Der zuckte nicht lange, wohl wissend, was danach kam. Denn dieser Zuschlag war nur eine frugale Vorspeise gemessen an dem Hauptgericht, das an diesem Abend aufgetischt wurde. Das Theater ist reif für die Handwerker. Der Rat hatte auf der Grundlage einer Kostenschätzung im Mai die Finger für 15,58 Mio. Euro gehoben. Der Bauausschuss legte mit einem größeren Aufzug und der Theke im Foyer nach und erhöhte die Aufwendungen auf 15,65 Mio. Euro. Im Planentwurf für den neuen Haushalt ist diese Summe abgedeckt, sogar 23.000 Euro mehr. Laut aktueller Kostenberechnung werden 15,72 Mio. Euro gebraucht. Doch auch dieser XXXL-Etatposten lässt sich noch toppen. Die neu in die Diskussion geratene Hubbühne zum unteren Foyer kassierte die Politik, zumal auch die Kultur und Werbung (KWL) keinen zwingenden Handlungsbedarf sieht, aber zwei dicke Kostentreiber wird es doch geben. Der „kleine Rat“ stellte für die Betonsanierung und eine neue Saalbestuhlung die Signale auf Grün. Für die Fassade gehen 500.000 Euro drauf, die Mehrkosten für das nagelneue Gestühl schlagen mit 380.000 Euro zu Buche. Die vorhandenen Stühle sind 45 Jahre alt und waren vor 18 Jahren neu bezogen worden. Alternativ könnten die Sessel mit einer neuen Mechanik versehen werden, doch selbst ohne weitere Aufarbeitung von Polstern, Bezug oder Holzschale wären dafür 190.400 Euro fällig. 16 Millionen für eine technische Sanierung und dann die alten Sessel? In den Fraktionen hat es geknirscht, das dürfte nicht übertrieben sein. Ansgar Mertens, Vorsitzender der CDU im Rat, gab Kollegen und Öffentlichkeit eine Vorstellung davon, wie sehr die Christdemokraten gerungen haben. „Jetzt reicht’s, jetzt ist Schluss“, gab Mertens eine Vorstellung davon, welche Parolen da in der Union zu hören waren. Doch letztlich siegte wohl die Einsicht in die Notwendigkeit. Denn: „Das muss sein. Das ist sachlich, fachlich richtig.“ Dennoch: „Das tut weh.“ Von den ursprünglichen Überlegungen ist der Rat inzwischen fünf Mio. Euro entfernt. Ausdrücklich lobte der CDU-Mann die Idee von Lipperodes Ortsvorsteher Otto Brand (SPD), über Sponsoring Gelder für die Bestuhlung einzuwerben. Die hatte zuvor schon der Chef der sozialdemokratischen Fraktion, Hans-Joachim Kayser, unterstützt. Die Verwaltung solle einen einfachen Weg finden, um den Bürgern eine entsprechende Spende zu ermöglichen, regte Brand an. Für so ein Messingschild hinter einem Sessel könnten sich sicher einige Einzelpersonen oder Unternehmen interessieren, glaubte Brand. Von hier war es bis zum „Kayser-Stuhl“ nicht fern und damit zu heiterer Stimmung trotz Millionenbelastung. Wie viele es am Ende werden, das bleibt abzuwarten. „Der Schwur kommt bei der Ausschreibung“, ließ Bürgermeister Christof Sommer nicht unerwähnt. Hans-Dieter Marche (BG) sah im Sponsoring eine gute Lösung, ganz ohne Bedenken war für ihn aber auch dieser Ansatz nicht: „Auch das ist Geld der Bürger.“ Marche betonte, es dürfe nicht wieder passieren, dass „Dinge so weit geschoben werden“. Auch in das Stadthaus habe die Kommune lange nix reingesteckt: „Ich hoffe, dass wir daraus gelernt haben.“ Bürgermeister Christof Sommer relativierte das: „Irgendwann steht eine Grundsanierung an.“ Die wird nun angepackt. Auch wenn sich Christian Prahl (CDL) angesichts der Höhe der Investitionen die Frage nach einem Neubau stellte. Der CDL-Sprecher enthielt sich deshalb bei der Abstimmung über die Sanierung. Für die Betonsanierung hob jedoch - wie alle anderen Ausschussvertreter - auch Prahl die Hand. Die Saalbestuhlung sei nicht verabredet worden, lehnte er aber dieses Projekt rundherum ab. Für den Hubboden sprach sich nur Linken-Sprecher Michael Bruns aus. Am Montag kommt die Beschlussfassung über die Sanierung des Theaters auf die Zielgerade. Dann wird der Rat das entscheidende Votum abgeben. Das Theater soll im Mai nächsten Jahres geschlossen werden und nach umfangreicher Sanierung erst wieder im Januar 2020 öffnen.
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