30.12.2017

Rastloser Motor mit frischen Ideen

Rietberg-Mastholte(-ger). Bei der Gründungsfeier waren es 37 Männer und Frauen. Sie einte der feste Willen, einen starken Heimatverein an den Start zu bringen. Doch wer wollte ahnen, dass drei Jahrzehnte danach eine so starke Gemeinschaft das Ortsgeschehen mitprägen würde? Der Heimatverein, nach dem historisch zu nennenden Wechsel an der Spitze seit wenigen Wochen von Alexander Hagemeier geleitet, ist mit seinen mehr als 1.000 Mitgliedern nicht nur einer der vier größten Vereine in Mastholte, er ist auch einer der regsten.

Von Anbeginn trieben den Heimatverein hochmotivierte Kräfte an. Allen voran die Initiatoren, der Grundschullehrer Bert Bertling und der Unternehmer Wilfried Röhr. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass Heimatgeschichte ein deutlich wahrnehmbares Interesse entgegengebracht wird. Bertling hatte sich schon seit Jahren mit Heimatforschung befasst und die Erkenntnisse in seinen Unterricht einfließen lassen. In der Gründungsversammlung setzten die Mitglieder den Pädagogen dann auch als Schriftführer ein und machten den Fabrikanten zu ihrem ersten Vorsitzenden. Der neue Vorstand schaltete sofort hoch. Es gab Schnatgänge, Ausstellungen und vor allem ein wichtiges Ziel: das Heimathaus. Zusammen mit der Stadt Rietberg schuf der Vorstand die Voraussetzungen für den Kauf des Objektes. Mit Hilfe ungezählter Mastholter Mitstreiter, fleißiger Helfer wie Sponsoren, aber auch Mitteln von Stadt, Kreis und Land, konnte ein überaus engagierter Vorsitzender zusammen mit seinem Vorstandsteam schon im Juli 1990 das fertige Heimathaus, das ursprünglich als Alterssitz geplant, aber als solcher nie genutzt wurde, der Öffentlichkeit präsentieren. In dem 1845 errichteten Heimathaus zeigt der Verein anschaulich das frühere Leben und Wohnen der Landbevölkerung. Im Herbst 1990 verzichtete der Unternehmer Röhr auf eine Wiederwahl. Sein Nachfolger, Gisbert Schnitker, wurde mit großer Mehrheit zum neuen Vereinschef gewählt. Damit begann nicht nur eine Ära, die erst im vergangenen Monat zu Ende gegangen ist, es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte mit ständig steigenden Mitgliederzahlen und einer mit pulsierendem Leben und Aktivitäten erfüllten Gemeinschaft. Herausragende und gut besuchte Ausstellungen von Spielzeug mit einer riesigen Eisenbahn, die Schau historischer Exponate zur medizinischen und zahnmedizinischen Versorgung, aber auch die Themen Jagd und Hege etwa sind bestens in Erinnerung.

Mitgliederwerbung zählte zweifelsohne zu den Steckenpferden des neuen Chefs. Und so war es kein Wunder, dass den Verein beim 25. Geburtstag bereits rund 800 Mitglieder stützten. Unter seiner Ägide initiierte der Vorstand den Wiederaufbau einer historischen Wagenremise, einen Brunnenbau und Brotbackofen nach alter Vorlage. Ein Backhaus und ein Bauerngarten sollte das Ensemble komplettieren. Altes landwirtschaftliches Arbeits- und Haushaltsgerät füllt inzwischen Boden, Remise und angemietete Scheunen. Selbst aufgenommene Filme, die bis nach Amerika und Australien gelangt sind, zeigen die Kornernte, Hausschlachtung sowie Feldarbeit. Bei den alle fünf Jahre stattfindenden Ernteumzügen kann sich der Landwirtschaftliche Ortsverband natürlich auf den aktiven Einsatz der Heimatfreunde verlassen. Zur Tradition gehört bereits der vereinseigene Dreschkasten.

Mit den Jahren hat der Heimatverein auch andere Gruppen angezogen. Wandergruppen etwa, die über das Jahr verschiedene Touren in Deutschland anbieten, haben hier ebenso ihre Bleibe gefunden wie der Imkerverein. Die Bienenfreunde haben allerdings inzwischen ein anderes Domizil bezogen. Äußerst aktiv sind die Wanderfreunde Grenzenlos, die sich als Landschaftsdurchwanderer verstehen. Zu den alljährlichen Höhepunkten im Heimathaus zählen der Zigeunerballabend am Dienstagabend vor dem Jakobifest und der Jakobitag. Dann füllt sich das Gebäude mit zahllosen Interessenten, die sich an den alten Haushaltsgeräten in der schmucken Küche aus Omas Zeiten, den Hofangeboten, den alten Ackergeräten und dem Bauerngarten erfreuen, in dem es wächst und gedeiht. An diesem kontinuierlichen Wachstum von Verein und Angeboten hat der langjährige Vorsitzende Gisbert Schnitker einen ganz großen Anteil. Nicht umsonst fielen Respekt und Anerkennung bei der Stabübergabe an seinen Nachfolger entsprechend groß aus. In seiner Zeit entstand aus ehemals 130 Mitgliedern ein Großverein, der inzwischen die Schallmauer von 1.000 Unterstützern übertroffen hat. Mit Alexander Hagemeier ist der bisherige Vize in seine Fußstapfen getreten. Hagemeier ist seit 2013 stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins und wurde mit einem einstimmigen Votum in die Spitzenfunktion gewählt. Die Aufgabe des Stellvertreters hat Franz-Josef Johannesmeier übernommen. Hagemeiers zentrale Botschaft lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Kommunikation. Der hauptberufliche Logistiker möchte den generationenübergreifenden Dialog voranbringen und den Verein kontinuierlich verjüngen. Bei jüngeren Menschen wurden gezielt Interessen abgefragt, um abgestimmte Angebote entwickeln zu können. Der Verein unterhält beste Kontakte zu Kita und Schule und unterbreitet attraktive Angebote. Auch neue Formen der Zusammenarbeit und der Begegnung gehören zu den aktuellen Aufgaben. So kommen sich Oldtimer-Sammler und frühere Mitarbeiter des ehemaligen Fahrzeugbauers Diedam näher. Der Verein hat inzwischen einen alten Seitenkipper erworben und will dieses Fahrzeug im Erntedankumzug 2020 mitfahren lassen. Eher an das „Mittelalter“ wendet sich die neue Korn- und Körnchentour, die sich auf die Spur von Getreide und Trinkgewohnheiten setzt, und mit Start der Sommerzeit geplant ist. Zu den taufrischen Projekten gehört der Bau eines Fachwerkmodells des Heimathauses im Format 3,50 mal 3,50 m. Grundschüler sollen damit die Konstruktion des Gebälks erfahren. Das Modell wird zum Auf- und Abbau geeignet und im Frühjahr fertiggestellt sein. Herausragend: Der Heimatverein möchte das vom Land geförderte Dorfinnenentwicklungskonzept (DIEK) voranbringen und freut sich über den von der Bezirksregierung Detmold genehmigten Antrag der Stadt Rietberg. Beim DIEK geht es um die Aufwertung der Infrastruktur und die Erhöhung der Wohn- und Arbeitsqualität. Dazu gehören der Erhalt der ortsbildprägenden Bausubstanz, die dorfgerechte Gestaltung von Straßen, Plätze und Wegen, Begrünungen im öffentlichen Bereich, die Sicherung und die Weiterentwicklung dorfgemäßen Gemeinschaftseinrichtungen sowie Umnutzung ehemals land- und fortwirtschaftlicher Gebäude. Auch der ländliche Fremdenverkehr soll eine Rolle spielen. Konzeptionell Grundlage ist ein professionell gesteuertes Entwicklungskonzept. Erste Veranstaltung auf dem Weg zu diesem Plan ist die Übergabe des Förderbescheides am Montag, 8. Januar, um 16 Uhr im Heimathaus.

Erst wenige Jahre jung, gleichwohl schon mit starker Resonanz ausgestattet ist der Mastholter Jahresauftakt, der unter der Remise am Heimathaus nun zum vierten Mal stattfindet. Am Samstag, 6. Januar, ab 17 Uhr lädt der Verein bei heißen Getränken und winterlichen Bierspezialitäten sowie deftigem Essen unter der Remise auf dem Gelände des Heimathauses zum netten Beisammensein ein. Mit einer stabilen Plane wird er dafür sorgen, dass es winterlich-gemütlich zugeht. Angemessene Kleidung ist natürlich dennoch angesagt, rät der Verein. „Auch die Sternsinger werden wieder erwartet und sammeln für ihre Aktion“, kündigt Vereinschef Hagemeier an, der bereits „sehr viel Spaß“ an seiner neuen Funktion hat und sich das gut „länger vorstellen kann“. Sein Vorgänger weiß, wie lange das tragen kann.
zurück zur Artikelübersicht