27.01.2018

Vier Züge genug

Lippstadt. (-ger) Die Gesamtschule ist bei Eltern und Kindern beliebt. Sie ist so geschätzt, dass regelmäßig interessierte Schüler abgewiesen werden müssen. Im laufenden Schuljahr waren es 69, davon allein 59 aus Lippstadt. Nicht zum ersten Mal hat die Fraktion der Linken auf diesen unbefriedigenden Zustand hingewiesen. Jetzt forderte die Fraktion die Erweiterung der gerade erst im letzten Jahr gebauten neuen Schule im Lippstädter Süden auf fünf Züge.
Doch so sehr Linken-Vertreter Klaus Marke im Schul- und Kulturausschuss auf inzwischen 384 Abweisungen in sieben Jahren Gesamtschulgeschichte in der Stadt hinwies, sein Antrag hatte keine Chance auf eine Mehrheit. Dabei musste die Verwaltung nicht einmal ihre Haltung verteidigen, das erledigte schon der Fachausschuss. Ressortchef Manfred Strieth hatte die Schulpolitiker allerdings gut auf die Entscheidung vorbereitet und mit zahlreichen Argumenten gespickt.

Die 2010 an den Start gegangene Gesamtschule ist als vierzügige Schule in der Sekundarschule I genehmigt worden. Somit können in der Klasse 5 jährlich 120 Schüler aufgenommen werden, seit 2015/16 jährlich 116. In den Jahren 2011, 2013 und 2015 gab es nicht nur die höchsten Anmeldezahlen, sondern damit auch die höchste Zahl von Ablehnungen. 2013 mussten 78 Schüler abgewiesen werden. Grund für diesen Rhythmus: die in drei Schritten vollzogene Verschiebung des Einschulungstermins vom 30. Juni auf den 30. September eines Jahres. Die Umstellung ist inzwischen abgeschlossen, die hohe Zahl abgewiesener Schüler hält jedoch an. Zumindest im laufenden Jahr. Die Verwaltung ist jedoch der Auffassung, dass die vorhandenen Kapazitäten mit Ausnahme eben des aktuellen Schuljahres ausreichen. Dabei wiesen die Schulfachleute darauf hin, dass nach dem Schulgesetz des Landes Kinder aus umliegenden Kommunen, in denen es kein Gesamtschulsystem gibt, als gleichrangige Bewerber zu betrachten seien. Klartext: Lippstädter Kinder können nicht bevorzugt werden. Eine Erweiterung der Schule sei damit keine Garantie für eine bessere Versorgung Lippstädter Schüler. Das ist aus Sicht der Schulexperten nicht der einzige Einwand. Sechs Punkte führte die Verwaltung an. So könnten die für eine fünfzügige Erweiterung benötigten Räumlichkeiten im bestehenden Neubau nicht zur Verfügung gestellt werden. Die gerade fertiggestellte Schule müsste somit um einen Erweiterungsbau vergrößert werden. Das pädagogische Konzept der Schule mit der jahrgangsbezogenen Zuordnung von Klassen- bzw. Differenzierungsräumen und den dazu gehörenden offenen Unterrichtsbereichen auf einer Clusterebene sei durch eine Erweiterung in dieser Form nicht mehr umsetzbar. Eine Vergrößerung der Schule würde nach Einschätzung der Verwaltung auf die bestehende Schullandschaft ausstrahlen, weil bei einer Erweiterung die geforderte Leistungsheterogenität „vermutlich kaum zu erreichen“ sei. Vielmehr erwartet die Stadt, dass die Bezirksregierung eine Genehmigung auf fünf Züge „mit einer Beschränkung des bestehenden gymnasialen Angebotes in Lippstadt verknüpft“. Auch G9 werde Wirkung zeigen, prognostizierte Ressortchef Strieth. Wenn ab dem neuen Schuljahr voraussichtlich alle Gymnasien in Lippstadt auf das G9-Abi umschalteten, dann werde das auch die Entwicklung an der Gesamtschule beeinflussen. Strieth machte deutlich, dass die Schullandschaft in den umliegenden Städten und Gemeinden im Umbruch sei. Ehemalige Gemeinschafts- und Sekundarschulen würden zu Gesamtschulen umgewandelt, etwa in Lippetal oder Langenberg, möglicherweise auch in Wadersloh. Auch dies führe perspektivisch zu einem Rückgang auswärtiger Schüler an der Lippstädter Einrichtung. Schließlich seien in den nächsten vier bis fünf Jahren „normale“ Übergangszahlen zu erwarten. Der Fachbereichsleiter: „Von daher bleibt unklar, ob in den nächsten Jahren deutliche Anmeldeüberhänge an der Gesamtschule zu verzeichnen sein werden.“ Gleichwohl bleiben Unwägbarkeiten. Die Verwaltung stellte fest, dass sich der aktuelle Anstieg der Geburtenzahlen voraussichtlich erst ab 2024 bemerkbar mache.

Linke-Sprecher Marke hätte gerne eine Kostenschätzung für die Erweiterung gehabt, die Stadt blockte aber ab. Angesichts der Aufwendungen für eine externe Begleitung des Prozesses (Schulentwicklungsplanung) sollten Kostenermittlungen erst angegangen werden, „wenn in der weiteren Entwicklung der Schülerzahlen bzw. der Schullandschaft in Lippstadt eine Notwendigkeit zur Erweiterung der Gesamtschule gesehen wird“.
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