07.04.2018

Ausverkauf im Theater

Lippstadt. (-ger) Noch ist das Stadttheater ein bespielter Ort. Aber das ändert sich. Schon in wenigen Wochen ist hier vorerst Schluss. Am Donnerstag, 26. April, fällt zum letzten Mal der Vorhang. Dann werden voraussichtlich bis zum Frühjahr 2020 Handwerker im Rampenlicht stehen, Schauspieler, Kabarettisten, Komiker, Sänger und Musiker müssen in Ersatzräume weichen.
Vorher passiert etwas, was es bislang noch nie in der Stadt gegeben hat: „Wir verkaufen Theaterinventar“, verwies Stadtsprecherin Julia Scharte beim Pressegespräch auf der Bühne auf einen „sehr außergewöhnlichen Termin“. Ab sofort können Interessenten bei einem Inventarverkauf mitmischen.

Unter die Leute gebracht wird die gesamte Bestuhlung aus 744 Zuschauerstühlen, 43 Orchesterstühlen sowie ungezählte Sitzhocker aus dem Foyer. Jeweils für 20 Euro. Darüber hinaus gibt es diverse Podeste, eine riesige Projektionswand für Front- und Rückprojektion sowie Vorhangstoff in Bahnen und Ballen. Auch Technik ist im Angebot. Ein analoges Mischpult von Studer und ein Lichtsteuerungspult (Strand Lighting 520), die beide in dem modernisierten Haus nicht mehr benötigt werden, stehen für ganz ganz kleines Geld zum Verkauf. Etwas mitnehmen, hinüberretten in die neue Zeit, das scheine vielen Menschen ein Bedürfnis zu sein, erklärte Scharte. Was KWL-Chefin Carmens Harms umgehend bestätigte. So habe sich ein Ehepaar, das sich durch seine Tochter dem Theater besonders verbunden fühle, ihre festen Sitzplätze 606 und 608 bereits reserviert. Harms selbst ist diese emotionale Bindung nicht fremd. Und so gehört auch sie zu den Kaufinteressenten. Doch zugleich freute sich die Kulturmanagerin darüber, dass die Stadt das Theater zukunftsfähig mache.

Was da im Lastenheft steht, das fasste noch einmal Fachbereichsleiter Heinrich Horstmann zusammen. 16,6 Mio. Euro hat der Stadtrat für das Projekt genehmigt. Diese gewaltige Summe dürfe die Verwaltung ausgeben, aber sie werde es auch müssen, machte der Bauexperte deutlich. Darin enthalten ist auch eine neue Bestuhlung. Hin und her war die Diskussion gegangen, letztlich entschied sich die Politik wegen der hohen Instandsetzungskosten für das abgenutzte Inventar für einen kompletten Tausch der Sessel. Zumal die Bestuhlung wegen des Neuaufbaus der Belüftung ohnehin abmontiert werden muss. Weil das Stadttheater ein bespieltes Haus ohne eigenes Ensemble ist, blieben die Sessel natürlich symbolträchtig, betonte die KWL-Geschäftsführerin. Aber Obacht: Nur die Stühle aus dem Orchestergraben und die Sitzhocker können auf eigenen Füßen stehen, Stühle in Zweier- und Dreiergruppen dagegen nicht. Es werden aber auch vier Dreiergruppen mit Bodenverschraubungen angeboten. Für den Abbau aller Sessel hat die Stadt eine Fachfirma beauftragt, niemand soll und kann die Stühle selbst absägen.

Für die Abwicklung der Anmeldungen, die Zuschlagserteilung und die Kasse hat die Verwaltung mit Friedrich Auffenberg einen ausgewiesenen Theaterkenner gefunden, der seit 1992 Mitglied des KWL-Programmbeirates ist. Der frühere Mathe- und Physiklehrer am Hanse-Kolleg war zwei Jahrzehnte Vorsitzender des Werner-Bohrer-Kreises und hat umfangreiche Erfahrung als Veranstalter. Dem Haus ist der auch in der Flüchtlingsarbeit engagierte frühere Pädagoge auf eine besondere Weise verbunden: Sein Schwager gehörte mit zu den Bauarbeitern, die vor über 40 Jahren die Sohle des Theaters gegossen haben. Die Stadt, das machte Horstmann unumwunden klar, ist sehr froh über dessen ehrenamtlichen Einsatz: „Herr Auffenberg nimmt uns sehr viel Arbeit ab.“ Eine Zielmarke für den Verkauf gebe es nicht, sagte der Chefplaner der Stadt, aber „wir würden uns freuen, wenn wir so wenig Stühle wie möglich wegschmeißen müssen“. Ende Mai soll das Haus geräumt sein, damit die Bauarbeiter starten können. Die Kommune hat für zwei Jahre eine Halle angemietet, in der das weitere Inventar des Theaters ein- bzw. zwischengelagert wird. Von dort aus werden auch die Ersatzspielorte mit dem notwendigen Inventar versorgt. Die Arbeiten im großen Haus sollen nach dem Gerüstbau zügig starten. Für die Gerüste innen und außen sowie die anstehende Schadstoffsanierung läuft wegen der hohen Investitionssumme des Gesamtprojektes eine europaweite Ausschreibung. Nach der Einrüstung werden zunächst die Schadstoffspezialisten anrücken und geschätzt fünf Monate im Theater werkeln.

Interessenten für Sessel & Co. können ab sofort bis spätestens zum 23. April ihre Kaufwünsche bei Friedrich Auffenberg buchstäblich an den Mann bringen, am liebsten per E-Mail f.auffenberg@icloud.com, aber auch via Tel. (0 29 41) 5 83 04 oder mobil 0171 5 36 83 04. Auffenberg wird zusammen mit vielen weiteren Helfern am Verkaufstag am Samstag, 12. Mai, von 8 bis 14 Uhr für die Bereitstellung des Inventars sorgen. Die Podeste werden an der Rampe am Mühlenweg bereitgestellt, Stühle und andere Gegenstände im Theaterfoyer. Für den Abtransport sorgt der jeweilige Käufer. Die Abgabe erfolgt gegen Barzahlung. Die Stadt wies ausdrücklich darauf hin, dass sie nicht versteigere, sondern der den Zuschlag erhalte, der zuerst bestelle. Allerdings müsse die Order dann auch an dem betreffenden Samstag abgeholt werden. Wer am 12. Mai ohne Vorbestellung komme, könne nur darauf hoffen, dass georderte Artikel nicht abgeholt werden. Es sollen aber einige Stühle mehr zur Verfügung stehen als bestellt wurden. Das zum Verkauf kommende Inventar wird ab kommendem Montag um 10 Uhr mit Beschreibungen, Maßen und Bildern auch auf den Internetseiten der Stadt zu sehen sein, kündigte Stadtsprecherin Julia Scharte an.
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