21.04.2018

Mit frischen Ideen in Wirtschaft Fuß fassen

Lippstadt. (-ger) Die zwei Uhren an der Wand machen Ambitionen klar. Sie zeigen die Zeit in Lippstadt und Shanghai. So weit hat es die Brudek-Gruppe aus Teningen nahe Freiburg noch nicht gebracht, aber den Weg zu einem wichtigen Kunden im Norden der Republik deutlich verkürzt.
Vom Büro im Technologie- und Gründungszentrum Cartec aus lässt sich VW in Hannover deutlich zügiger erreichen als aus dem fernen Baden-Württemberg. Verkaufsmanager Christopher C. Hentschel vertreibt von seinem kleinen Büro ultraflache Infrarot-Heizungen für Bürosanierungen, aber auch für den häuslichen Gebrauch. Der umtriebige CEO Patrick Brudek (25) stammt aus einer Unternehmerfamilie und hat bereits profunde Gründererfahrungen. Die Gruppe ist an 23 Firmen beteiligt und beschäftigt bereits 80 Mitarbeiter. Umsatz: 40 Mio. Euro. Zum Gründer wurde er mit 17. Studieren, so wollte es seine Familie, sollte er auch. Das ging schnell. Nach fünf Semestern war der BWL-Student fertig. Heute bietet die Gruppe von selbstklebenden Vinylfolien über Moosentfernung bis hin zu Kommunikationsangeboten für Unternehmen ein breites Leistungsangebot. Auch als Vermittler für neue Projekte bietet sich das Unternehmen an und etabliert die nötigen Prozesse. Motto: „We establish companies.“
Aus dem hohen Norden hat Lasse Paakkola den Weg nach Lippstadt gefunden. Der finnische Mess-Spezialist Mapvision gehört ebenfalls zum Kreis neuer Mieter, die Wirtschaftsförderer Dr. Ingo Lübben der Presse am Dienstag vorstellte. In der neuen Niederlassung ist das weltweit agierende Unternehmen dicht dran an seinen Kunden in Bielefeld und Paderborn. Auch der Daimler in Hamburg wird von hier betreut. Mapvision erkennt Objekte mit Hilfe digitaler Bilder. Zu den Eckpfeilern dieser herausragenden Technologie zählt die Nahbereichsphotogrammetrie mit Multikamerasystem. Das System benutzt fest installierte Digitalkameras. Gemessen wird unter normalen Fabrikbedingungen, linienintegriert. Das System erkennt und meldet jegliche Probleme eines Merkmals, etwa fehlende Löcher oder Hinweise auf defekte Bearbeitungswerkzeuge. Die Technologie gewährleistet eine rasante Performance. Innerhalb von weniger als 30 Sekunden können über 150 Merkmale gemessen werden mit einer Präzision von 0,02 Millimeter. Zu den Referenzen des Unternehmens zählt die versammelte Autoindustrie. In Deutschland ist die Firma mit vier Mitarbeitern vertreten, insgesamt beschäftigt Mapvision 80 Kräfte.
Die hätte Julian Mitzlaff gern, wobei das noch lange nicht das Ziel definiert. Im Lastenheft des Start-up-Unternehmers aus Erwitte stehen 100 Millionen Euro Umsatz. Mit seiner Online-Marketing-Agentur, die er zusammen mit Gründer Elias Bauer betreibt, möchte er nicht nur auf dem Heimatmarkt eine etablierte Größe werden, sondern auch Amerika aufmischen. Der 19-jährige Absolvent des Städtischen Gymnasiums in der Hellwegstadt, der sich auf digitale Vertriebsprozesse spezialisiert hat, ist jünger als das Technologiezentrum selbst. Sein Ding ist die Kundenakquise über das Smartphone. Eine Erfolgsmöglichkeit ist die Folgewerbung, die sich an Suchbegriffen orientiert und jeder User kennt. Auch E-Mail-Marketing und gesponserte Werbung gehören zum Instrumentenkasten. Weil sich nicht jeder kleine Kunde professionelle Unterstützung leisten kann, denkt Mitzlaff auch über Seminartätigkeit nach. Das Jungunternehmen, das gegenwärtig einen festen Mitarbeiter und drei Praktikanten beschäftigt, wird in der nahen Zukunft Royal One Media heißen.
Kunden, das sind für Till Völzke (49) säumige Zahler. Der Geschäftsführer der Informations- und Forderungsmanagement GmbH infomadis ist seit bald 20 Jahren in diesem Geschäft unterwegs und nach eigener Aussage „durch und durch Inkassomann“. Über Inkasso werde nicht gern geredet, stellt er fest, aber die 750 Unternehmen in Deutschland seien „ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor“ mit einem Milliardenmarkt. Infomadis wurde im Sommer letzten Jahres gegründet und hat bereits einen Energieversorger für sich gewinnen können. „Wir gehen extrem freundlich mit den Kunden um“, beschreibt er seine Strategie. Nicht nur weil 50 Prozent aller Schuldner aus Vergesslichkeit oder gar unverschuldet auf den Inkassolisten landen, sondern weil die Unternehmen ein großes Interesse an der Kundenbindung haben. Zu einem guten und unkomplizierten Verhältnis sollen möglichst viele Zahlungswege beitragen, wichtiger Kommunikationskanal sind Chats, weil die Kunden hier „ehrliche Antworten“ geben. Ziel ist es, möglichst ohne Gerichtsvollzieher eine Lösung zu finden. Ende des Jahres möchte Völzke Künstliche Intelligenz (KI) in die Inkassoprozesse einfließen lassen, weil dies die Prozesse sehr variabel mache. Dazu werde in Hamburg ein Standort aufgebaut. Das Unternehmen beschäftigt fünf Mitarbeiter und will schon in wenigen Monaten weitere Räume im Gebäude beziehen.
Der gebürtige Lippstädter Dirk Vogelsang kennt sich aus mit der chinesischen Zeit. Der Technische Zeichner und studierte Versorgungstechniker und technische Betriebswirt war für namhafte Unternehmen in der großen weiten Welt unterwegs, auch in Shanghai arbeitete er im Bereich Anlagenbau. Ende 2016 zog es ihn in seine Heimat zurück. Seine langjährigen Erfahrungen brachten ihn auf die Idee, seien eigene Firma zu gründen. Gedacht, getan, Anfang 2017 brachte er „Proactive“ an den Start. Zum Portfolio gehören Ingenieurdienstleistungen im Bereich der Technischen Gebäudeausrüstung, so werden die Gesamtprojektsteuerung oder das Projetmanagement mit den Schwerpunkten Facility Systems, Produktions- und Anlagentechnik übernommen. Die Leistungsbandbreite umfasst die Gebiete Electronics bis Technical Facility Systems.
Der Presserundgang im Cartec lieferte nicht nur ein Bild von der großen Bandbreite der vorgestellten Betriebe, er zeigte auch die Stärke des Standortes. Denn noch immer stehe Cartec für ein Technologie- und Gründerzentrum, wie Wirtschaftsförderer Lübben betonte. Dieses Instrument setzt die WFL mit Erfolg ein. Gerade einmal 140 qm von insgesamt 2.900 qm Büroflächen, verteilt auf sechs unterschiedlich große Räume, stehen Interessenten zur Verfügung, stellte Ansprechpartnerin Katharina Tursi fest. Wer hier einzieht, trifft zurzeit auf 28 Mieter. Aber nicht nur Rundumservice und Standort waren den vorgestellten Gründern wichtig, in drei von fünf „Fällen“ spielte die Liebe mit. Lübben sprach deshalb von einem „guten Standfortfaktor“. Wenn es nicht um Herzensangelegenheiten geht, sondern nur um die Vernunft, hatte Lasse Paakkola eine schlüssige Erklärung: „Der deutschsprachige Raum ist mit seinen knapp 100 Millionen Einwohnern ein interessanter Markt“, rief er Online-Marketing-Mann Julian Mitzlaff zu und fügte hinzu: „Nicht zu klein, aber auch nicht so wettbewerbsintensiv wie Amerika.“
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