12.05.2018

Wasser marsch ins Rathaus

Lippstadt. (-ger) Hochwasserschutz? Auf jeden Fall. Surfwelle in der Lippe? Ganz sicher vielleicht. Die Unterstützer der „Lippstädter Welle“ werden sich bis zur Ratssitzung am 28. Mai gedulden müssen, vorher ist mit einem klaren Votum der Politik nicht zu rechnen. Die gemeinsam tagenden Ausschüsse für das Bauen und den Sport in der Stadt stimmten am Mittwochabend im rappelvollen Rathaussaal den Hochwasserschutzprojekten an Burgmühle/Stiftsmühle einschließlich der verlegten Kanustrecke zu, ob die Lippstädter Freizeitsurfer aber in Jubel ausbrechen können, das bleibt abzuwarten.
Die beiden Fachgremien entsprachen jedenfalls erst einmal der Bitte von CDU-Sprecher Peter Cosack, die Beschlussfassung wegen notwendiger Gespräche und der Klärung weiterer Fragen dem Rat zu überlassen. Wobei der Vertreter der Christdemokraten ausdrücklich die Gesamtmaßnahme einschließlich Welle begrüßte, so sie denn möglich sei. Weil Vertagungsanträge einem guten Brauch zufolge von den anderen Fraktionen gewöhnlich respektiert werden, folgten die Gremien diesem Wunsch. Tendenzen wurden dennoch offensichtlich. So positionierten sich die Christdemokraten Lippstadt (CDL) eindeutig für die Surfwelle. Jedenfalls zeigte sich Dieter Holzhauer für einen Grundsatzbeschluss bereit. Und er legte sich für einen der vier untersuchten Standorte innerhalb der Kanustrecke fest. Innerhalb der Kanustrecke, weil ein von der Stadt eingeschaltetes Ingenieurbüro nur in diesem Bereich eine aussichtsreiche Variante erkennen kann. Das Büro hatte 2017 die Möglichkeiten für eine stehende Welle an vier unterschiedlichen Punkten am Tivoli und an der Stiftsmühle untersucht. In der neuen Kanustrecke wiederum wurden ebenfalls vier Standorte durchgespielt. Entgegen der Beschlussvorlage der Verwaltung, die eine Option für eine Welle unterhalb einer neu in der Wehranlage entstehenden Brücke für Versorgungsfahrzeuge fördert, möchte die CDL eine Lösung oberhalb dieser Brücke. Die theoretische Funktionsfähigkeit der Welle steigt bei dieser Variante von 80 (Variante 2) auf etwa 170 Tage (Variante 3) im Jahr und erlaubt eine längere Reststrecke für den Kanusport. Von den Anliegern ist in jedem Fall Widerstand zu erwarten, das machten die Aussagen und Anfragen aus dem Anrainerkreis gleich zu Beginn der Sitzung deutlich. Lärm, Vermüllung und Parkplatzprobleme sind Stichworte. Aber es gibt auch starke Kräfte für die Welle, was eine Unterschriftenliste unterstrich. Immerhin hat der junge Verein „Lippstädter Welle – Make it happen“ bereits 325 Mitglieder. Der Verein selbst räumt jedoch ein, dass insbesondere anfänglich ein sehr hohes Surfaufkommen zu erwarten sei. Die Initiatoren stellen sich eine Integration im Wasser- und Wintersport Club (WSC) vor und wollen dort als eigene Abteilung agieren. Zum Schutz der Anwohner soll es festgelegte und abgestimmte Nutzungszeiten geben. Die Surfer sehen in der Welle eine Attraktivitätssteigerung für die Stadt und in einer Kooperation mit dem Schulsport eine große Chance. Anders der WSC. Er ist eindeutig gegen die Lippstädter Welle in der Sportanlage. Problemfelder erwartet der Verein in Sachen Sicherheit, Lärmentwicklung, Nachbarschaft, Nutzungszeiten und zusätzlichem ehrenamtlichem Zeitbedarf für Koordinierungs- und Umbauarbeiten. In einer Stellungnahme verweist der WSC vor allem auf seine mühsame und zeitintensive Jugendarbeit, die im ganzen Bundesgebiet bekannt sei. Mit der neuen Kanustrecke solle auf dieser Arbeit aufgebaut werden und der Kanusport die Stellung erhalten, die Lippstadt verdient habe. In der SPD-Fraktion überzeugen diese Argumente. Udo Strathaus stellte unmissverständlich heraus, dass bei der Benutzung der neuen Kanustrecke der WSC und die Förderung des Breitensports „eindeutig Vorrang“ habe. Mit einer Surfwelle werde es innerhalb der Kanustrecke „zwangsläufig zu Überschneidungen bei den Nutzungszeiten“ kommen. Damit seien dauerhaft Konflikte mit den Kanuten programmiert. Weil juristischer Widerstand von den Anliegern gegen Bau und Betrieb der Welle nicht auszuschließen seien, drohe das Risiko einer Verzögerung des gesamten Vorhabens. Strathaus wies auf das fehlende Schallschutzgutachten hin. Deshalb sei für seine Fraktion nicht erkennbar, ob der Betrieb einer Welle nun grundsätzlich zulässig sei. Bedenken äußerten auch die Grünen. Cordula Ungruh verwies auf Projekte in ganz Deutschland, da sei die Feststellung eines Alleinstellungsmarkmals doch fraglich. Mit dieser Einschätzung hatte sich Gerd Gunter Köhler (CDU) positioniert und von einer „Tendenz“ für die Variante 2 gesprochen. Ungruh wies auch darauf hin, dass Vorzeigevorhaben wie der Eisbach in München kaum vergleichbar seien, weil es hier eine erheblich höhere Durchflussmenge gebe. Und anders als in Lippstadt werde die Welle in München ohne nahe gelegene Wohnbebauung aufgebaut. Auch bestehe dort keine Konkurrenz zwischen Kanuten und Surfern. Fraktionskollege Berthold Niehage dankte den Anwohnern für ihre vielfältig geäußerte Kompromissbereitschaft. Die könne arg strapaziert werden, denn mit dem für den Sport entstehenden Trog entstehe ein „Hallobjekt“. Weil bei dem Bau von einer technisch geplanten Anlage ausgegangen werden könne, sei mit Folgekosten und Ausfällen zu rechnen. Dagegen zeigten sich die Linken geradezu begeistert von dem Gesamtpaket und sahen darin eine Bereicherung für das Leitmotto „Licht – Wasser – Leben“. Michael Bruns freute sich über die Welle und bevorzugte die Variante mit einer längeren Nutzungszeit, seine Fraktion könne aber auch mit der Lösung 2 leben.
Eingangs hatten Uli Detering von der Bezirksregierung Arnsberg und Fachbereichsleiter Heinrich Horstmann von der Stadt noch einmal die Fakten zusammengetragen und den Wehrkomplex einschließlich Kanustrecke nach dem Umbau visualisiert. Beide Experten unterstrichen nachdrücklich die Notwendigkeit eines weiteren Hochwasserschutzes. Mit dem Um- und Neubau der Wehranlage soll ein letzter Baustein in einem komplexen Paket verwirklicht werden. Zusammen mit dem Neubauvorhaben wird die Stadt vor einem 120-jährigen Hochwasserereignis geschätzt sein, zurzeit ist Lippstadt für ein Ereignis gerüstet, das nur einmal in 100 Jahren erwartet werden muss. Die Vorplanungen mit Schwerpunkt Kanusport liefen bereits seit 2002, erinnerte der Vertreter des Landes. Die Bezirksregierung übernimmt 75 Prozent der anfallenden Baukosten, die Kommune muss den Rest stemmen. Eine „Welle“ würde auf separate Rechnung der Kommune gehen. Die Verwaltung bezifferte die Kosten auf 375.000 Euro, plus/minus 35 Prozent.
Seit dem vergangenen Jahr liegt eine Genehmigung ohne die lange diskutierte Wasserkraftanlage vor. In diesem Sommer soll die Ausführungsplanung entstehen. Mit dem Bau starten möchte das Land im Herbst 2019, die Fertigstellung ist 2021 vorgesehen. Für die Bezirksregierung geht es bei diesem Millionenvorhaben zunächst um die Verbesserung des Hochwasserschutzes und die ökologische Durchlässigkeit, zu den weiteren Aspekten zählen die Experten aus Arnsberg den Erhalt des Kanusports und die Verbesserung des städtebaulichen Bildes. Bislang ist die Kanustrecke 132 m lang, die neue Version gewinnt ein paar Meter hinzu. Ein gleichzeitiger Betrieb von Welle und Kanusport ist nicht möglich, der WSC müsste demnach auf Trainingszeiten verzichten und sie an die Surfer abtreten. Beim Betrieb der Welle kann die Kanustrecke erst unterhalb der Welle genutzt werden. Ressortchef Horstmann sah deshalb in der Nutzungsabsprache ein zentrales Element. Darüber müssten Kanuten und Surfer Einigkeit erzielen. Auch die Zustimmung der direkten Nachbarn müsse erreicht werden. Zudem sei für die die Stadt als Eigentümerin der Anlage die Klärung der zukünftigen Verantwortlichkeiten von großer Bedeutung. Keinen Aufschub duldet aus Sicht des Bauexperten der Neubau der Wehranlage. Deren Zustand wird als schlecht bezeichnet. Hier erwartet der Verwaltungssprecher eine „zeitnahe Entscheidung“. Den Hochwasserschutz schiebe die Stadt seit Jahren vor sich her. Im weiteren Genehmigungsverfahren konnte Horstmann keine größeren Einwände erkennen. Die Politik ist nun zur Zustimmung der angepassten Plangenehmigung und einem Grundsatzbeschluss aufgerufen – ob mit oder ohne Welle. Wenn mit, dann kann es aus Sicht der Verwaltung nur die Variante 2 geben. Ein Schallschutzgutachten, machte er gegenüber SPD-Sprecher Strathaus klar, werde es bis zur Ratssitzung definitiv nicht geben. Keine Frage war für den Ressortleiter aber der Umfang finanzieller Leistungen: „Beide Sportarten kosten an dieser Stelle viel Geld.“
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