19.05.2018

„Weit nach vorne gebracht“

Lippstadt. (-ger) Muff und Staub sind weg. Die moderne Volkshochschule hat einen beispiellosen Wandel erlebt und sieht sich inmitten eines laufenden Prozesses, der die Weiterbildungseinrichtung fortgesetzt vor neue Aufgaben und Herausforderungen stellt.
Was sich in den letzten sechs Jahren seit dem Neustart im Verbund mit Anröchte, Erwitte, Rüthen und Warstein getan hat und was da auf die VHS zurollt, das machte deren Chefin, Frauke Mönkeberg, „in einer halben Doktorarbeit“, wie es höchst anerkennend im Schul- und Kulturausschuss hieß, am Dienstagabend deutlich. Im Parforceritt ging es vom Organisationsgutachten der Volkshochschulen vor zehn Jahren über die Fusion ab 2012 bis hin zur VHS 4.0.

Der Beginn: Vor der Verschmelzung arbeiteten in der alten VHS Möhne-Lippe für Anröchte, Erwitte, Geseke, Rüthen und Warstein drei hauptamtliche pädagogische Mitarbeiter, Verwaltungskräfte und fünf Ortsringleiter, in Lippstadt drei Hautamtliche plus Verwaltungskräfte. Heute gibt es nur eine Geschäftsstelle in Lippstadt mit fünf hauptamtlichen Pädagogen und den Verwaltungsmitarbeitern. Die hiesige VHS zählt zu den größten Flächeneinrichtungen in NRW mit einer ungewöhnlichen Nord-Süd-Achse über eine Distanz von 50 km. Die Volkshochschulen agieren auf der Grundlage des Weiterbildungsgesetzes, sie sind Pflichtaufgabe einer jeden Kommune. Laut Gesetz müsste die VHS 6.400 Unterrichtsstunden anbieten. Mehr Unterrichtseinheiten sind aber nach Feststellung der Leiterin sinnvoll, um einen höheren Deckungsbeitrag und einen größeren Gestaltungsspielraum zu erzielen. Das Team um die neue VHS-Chefin hat geliefert: Im Vergleich zu 2012 bot die neue VHS im vergangenen Jahr 8.689 Unterrichtseinheiten mehr an und erreichte 3.412 Teilnehmer mehr. Die Ausfallquote, eine ganz wichtige Kennzahl für die Einrichtungen, sank von 23,1 auf 21 Prozent. Für Lippstadt allein sehen die Daten nicht weniger beeindruckend aus. Danach gab es im vergangenen Jahr 6.428 Unterrichtseinheiten und 3.677 Teilnehmerbelegungen mehr als vor sechs Jahren.

Auf lange Anmeldeschlangen kann sich die VHS nicht mehr verlassen. „Die VHS muss lauter und präsenter sein“, unterstrich Mönkeberg. Angesagt sind deshalb nicht nur gute Drähte zur lokalen Presse, es gibt Radiowerbung mit eigenem Werbespot, eine VHS App, Plakate und Flyer, ein inzwischen von anderen Volkshochschulen nachgefragtes Programheft mit eigenem Layout, und selbstredend ist die VHS als eine der ersten städtischen Institutionen in den Sozialen Medien aktiv. Die Internetseite ist seit Jahren Thema, aber die Verwaltung ticke hier anders als die VHS, ließ Mönkeberg erkennen. Stichworte seien Wettbewerber, Kundenwünsche und Dienstleister. Die VHS möchte eine dynamische Seite, bei der automatisch Inhalte gefüllt werden. Eine höhere Kundenfreundlichkeit wird über eigene Kundenkonten angestrebt wie das von amazon & Co. bekannt ist. Mönkeberg denkt auch an einen Erinnerungsservice für kommende Veranstaltungen. Herausfordernd sei allerdings nicht nur hier die Datenschutz-Grundverordnung.

Die neue VHS denkt über sich hinaus und verfolgt mit Kooperationen die Ansprache gemeinsamer Zielgruppen, die Teilung von Kosten und eine bessere Koordination von lokalen Veranstaltungen. Als sehr gutes Beispiel bezeichnete die Leiterin die Veranstaltungsreihe Warstein 360 Grad mit dem Halbleiterhersteller Infineon. Nicht jede Einzelveranstaltung zog die Menge an, auch wenn sie kostenlos war, aber inzwischen erreicht die VHS mit lokalen und überregional bekannten „Prominenten“ bis zu 300 Besucher. Bei Lesungen arbeitet die VHS mit der Stadtbücherei zusammen. Mönkeberg selbst ist in einer Literaturkooperative von zwölf Volkshochschulen tätig, in der Lesereihen organisiert und so die Ausgaben gesenkt werden können.

War die VHS bis 2015 nur eine etablierte Weiterbildungseinrichtung, wuchs mit den stetig steigenden Flüchtlingszahlen ein völlig neuer Aufgabenbereich heran: der Integrationsbereich. „Viele Maßnahmen kamen auf den Markt mit unterschiedlichen Anforderungen“, zeigte Mönkeberg auf. Die VHS hat eine Vielzahl von Maßnahmen erfolgreich und zeitnah umgesetzt. Sie positionierte sich als größter regionaler Anbieter für Sprachförderung im Kreis Soest. So wurden im letzten Jahr allein 14.500 Unterrichtseinheiten laut Bundesamt mit fast 2.600 Teilnehmern durchgeführt. Mit Stand Januar 2017 wurden 21 der insgesamt 54 Integrationskurse im Kreis Soest von der VHS Lippstadt angeboten. Mönkeberg hob den sehr hohen Verwaltungsaufwand hervor, der nicht ansatzweise mit den Standardkursen zu vergleichen sei. Ihre Beispiele: Für jeden Teilnehmer müsse eine Akte angelegt, jede Fehlstunde dokumentiert und mit den entsprechenden Behörden kommuniziert werden. Atteste seien einzufordern und stündliche Teilnehmerlisten zu pflegen.

Ohne Zertifizierungen läuft gar nichts. Sie sind Voraussetzungen für die Landesmittel, aber auch für viele Drittmittelmaßnahmen. Mönkeberg sprach in Zusammenhang mit der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung von einem aufwendigen Bewerbungsverfahren. Eine Herausforderung sei der schnelle Start nach dem Zuschlag binnen vier Wochen, etwa durch die Stellenbesetzung. Dieses Verfahren widerspreche den Strukturen der klassischen Verwaltung, die für ihre Bewerbungsverfahren längere Abläufe kenne. Die Volkshochschule finanziert sich durch Landesmittel, Drittmittel, kommunale Zuschüsse und die Teilnehmer-Entgelte. Drittmittel von Bundesagentur, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und Landesmaßnahmen waren zuletzt mit einem Finanzierungsanteil von 59 Prozent (2012: 30 Prozent) das Hauptstandbein bei der Kostenteilung. Das Land schulterte 24 Prozent der Ausgaben. Die Teilnehmerentgelte sind unterdessen deutlich zurückgegangen. Im vergangenen Jahr steuerten sie nur noch 23 Prozent zur Finanzierung bei, 2012 waren es noch 34 Prozent gewesen. Die neu angeschlossenen Kommunen sind mit 200.000 Euro dabei, Lippstadt allein mit eben dieser Summe. Über die Kreisumlage zahlten die jetzt beteiligten Städte und Gemeinden vor der Verschmelzung 325.000 Euro, Lippstadt brachte 2011 noch 369.000 Euro auf. Die Neuaufstellung hat sich gelohnt. Schon im ersten Jahr nach der Fusion zeigte sich ein ganz anderes Bild. Lippstadt musste zwar 220.000 Euro und damit mehr als die vereinbarten 200.000 Euro aufbringen, die kleineren Kommunen zusammen aber nur 141.000 Euro. 2016 gab es für die neuen Partner sogar einen Scheck über 126.000 Euro, Lippstadt schrammte mit einem Defizit von 23.000 Euro an der schwarzen Null knapp vorbei. Allerdings erzielte die VHS mit der Bundesanstalt für Arbeit einen Überschuss von 53.000 Euro. Die Summen gegengerechnet, blieb’s positiv. Für 2017 liegen noch nicht alle Abrechnungen vor, die gesamte VHS aber erzielt voraussichtlich ein Plus von über 165.000 Euro.

Das rosige Bild könnte sich jedoch eintrüben. So kann die VHS nach dem Neuen Kommunalen Finanzmanagement keine Rücklagen bilden, etwa für die Digitalisierung und mehr Personal bei Drittmittelprojekten. Auch der Rückgang bei den Standardangeboten könnte weitere Wirkung zeigen. Die Finanzierung der Digitalisierung ist auch für die VHS eine Herausforderung. Schließlich streitet sich die Volkshochschule mit anderen Wettbewerbern um die Bezahlung der Kursleiter. Die Leistungen der VHS sind im Vergleich zu anderen Einrichtungen und BAMF-Honoraren „sehr niedrig“.

Volkshochschule heute, zeigte Mönkeberg in ihrem Vortrag auf, unterliegt einer Fülle von Veränderungseinflüssen. Da ist die Digitalisierung nur ein Aspekt. Das Studieren ab 50+ ist für die Weiterbildungseinrichtung ebenso spürbar wie etwa die Hochschule mit der Digitalwerkstatt und der Akademie der Weiterbildung. Auf diesen Feldern ist die VHS mit der KinderUni und der beruflichen Bildung unterwegs. Der gesellschaftliche Wandel aus verändertem Freizeitverhalten, der früheren Rückkehr von Frauen in den Beruf, der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Kompetenzen, der Abwägung von Arbeitsdichte und Work-Life-Balance und nicht zuletzt die Lernangebote über das Internet kommen in der Volkshochschule an. Veränderungseinflüsse ergeben sich überdies aus dem Projektgeschäft der Einrichtung. Schließlich erreicht der Fachkräftemangel die VHS. Unterdessen steht die VHS vor dem Ausbau zu einem sogenannten Dritten Ort. Der neuen Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes, Isabel Pfeifer-Poensgen, schwebt die Bündelung von Bibliotheken, Volkshochschulen oder kulturellen Beratungen zu Begegnungs- und Erlebnisorten vor. Den städtischen Büchereien in Lippstadt und Warstein ist die VHS bereits über die Onleihe 24 verbunden.

Und dann ist sie wieder da, die allgegenwärtige Digitalisierung. Sie wird entsprechende Konzepte erfordern, auch für das Lehren und Lernen. Schulungen von haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiter sind kein unwichtiges Thema. Aber auch das Verständnis und die Betreuung der technischen Infrastruktur fordern heraus. Neben dem erforderlichen Fachwissen besteht Beratungsbedarf bei technischen Entwicklungen. So werden heute noch Whiteboards angeschafft, obwohl diese Technik bereits zehn Jahre auf dem Buckel hat, aktueller Standard seien Smart Panels, also große Tablets für die Wand.

Das war eine ganze Menge Stoff, der da mit einigem Tempo auf die Ausschussmitglieder prallte. Am Ende blieb es nicht beim höflichen Dank für die Referentin. VHS-Beiratssprecher Wilhelm Börskens (CDU) freute sich, dass die Volkshochschule die Herausforderungen der Zeit angenommen habe. Mit Blick auf frühere Querelen fügte er hinzu, dass der interkommunale Beirat heute „völlig konfliktfrei“ arbeite. Von der bildungspolitischen Sprecherin der Liberalen, Dr. Gabriela Jonas-Ahrend gab’s einen Ritterschlag mit Auszeichnung. „Ganz famos“ resümierte sie. Die Ergebnisse seien nicht vom Himmel gefallen. „Sie haben sich das erarbeitet“, lobte sie die VHS-Chefin, die diese Würdigung prompt an ihr Team weiterreichte. Jonas-Ahrend sprach von einem „Geschenk für die Stadt“ und würdigte das starke Engagement der VHS auf dem Drittmittelsektor. Satte Unterstützung auch von der Ausschussvorsitzenden, Sabine Pfeffer (SPD): Sie haben unsere VHS in den letzten Jahren ziemlich weit nach vorn gebracht.“
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