02.06.2018

Wo soll’s denn hingehen?

Lippstadt.(-ger) Es ist eine gute Weile her, da gefiel sich das Heilbad als „schönste Tochter“ der Stadt. Der Glanz, er hat - vorsichtig behauptet - gelitten. So stark, dass die Zukunft des Mineralheilbades nicht nur der gründlichen Analyse bedarf, sondern der klaren Positionierung. Dieser Prozess läuft. Mitte des letzten Monats gab es einen Workshop einschließlich Dokumentation und Erläuterungen. Stadt und Stadtteil sind an einer Status-Quo-Untersuchung und einem Zukunftscheck der orts- und touristischen Infrastruktur interessiert. Endgültige Ergebnisse gibt es noch nicht, gleichwohl wichtige Erkenntnisse und erste Ansätze. Am Montag fasste Jan-F. Kobernuß von der Freizeit- und Tourismusberatung Details im Rat zusammen.

Während die Gästezahlen in den deutschen Heilbädern und Kurorten laut Statistischem Bundesamt im Erhebungszeitraum 2005 bis 2016 nur in eine Richtung, nämlich aufwärts, zeigten, musste Lippstadts Heilbad in den letzten zehn Jahren erhebliche Einbußen erleiden. Im Sektor der kurbeitragspflichtigen und kurbeitragsbefreiten Übernachtungen halbierten sich die Ankünfte, die Übernachtungen gingen von 69.000 auf 19.000 zurück. Auch mit der Verweildauer ging es abwärts. Die Aufenthaltsdauer knickte von zehn auf sechs Tage im vergangenen Jahr ein. Die Kliniken und Geschäftsreisende bleiben in dieser Rechnung allerdings außen vor. Von Januar bis März und im November ist tote Hose im Kurort, die besten Frequenzbringer sind die Monate Mai, September und Dezember. Betriebe und Bettenzahl haben deutlich abgenommen. Fast die Hälfte aller Betten entfällt jedoch auf die beiden Kliniken im Ort. Alle Hotels zusammen stellen so viele Übernachtungsmöglichkeiten bereit wie allein die Eichholzklinik. Die beiden Schwergewichte im Gesundheitsangebot sorgen auch für den Großteil aller Übernachtungen. Von den rund 220.000 Übernachtungen in 2016 gingen 130.000 auf das Konto der Kliniken. Tagesbesucher im Heilbad kannten ganz überwiegend nur ein Ziel: die Therme. 211.000 Besucher suchten hier Erholung. Weitere Magneten waren und sind der Reha-Sport, die Sauna und das Therapiezentrum mit 23.000 bis 28.000 Gästen. Das Angebot „Verwöhnplus“ zieht also. Gleichwohl: Es kriselt im Ort. Nicht umsonst wird es zum 1. Juli einen Fremdenverkehrsbeitrag geben, um zusätzliche Einnahmen zur Förderung des Tourismus zu generieren. Ohne die Pauschalen in den Kliniken, die 160.000 Euro erreichen, kommen gerade einmal noch 35.000 Euro Kurbeiträge in die Kassen, vor zehn Jahren waren es fast 110.000 Euro. Ziel der aktuellen Analyse der Infrastruktur und der Organisationsstruktur im Tourismus- und Kurortemanagement soll nun sein, Bad Waldliesborn in eine strukturell und finanziell gesicherte Zukunft zu führen. Nicht jeder glaubt daran. „Die Misere wird schöngeredet“, befand Benninghausens Ortsvorsteher Josef Franz (CDU) und rief die Millionenpleite der früheren Gesellschaft in Erinnerung. Zunächst sollten aus und in Walibo alle Anstrengungen kommen. Andere wiederum sind der Auffassung, hier verschaffe sich womöglich Futterneid Luft. Bad Waldiesborns Ortsvorsteherin Gabriele Schütte-Holthaus (CDU) appellierte jedenfalls an die Mitstreiter im Rat, nicht ständig auf der Insolvenz herzumzureiten und den Standort nicht totzureden.

Der Gutachter hat nüchtern die Stärken und Schwächen aufaddiert. Danach erfüllt das Heilbad die Patientenanforderungen mit den beiden Reha-Kliniken und dem Therapiezentrum. Gesundheitsorientierte Urlauber werden über das Radwege-Angebot oder Nordic Walking weitgehend zufriedengestellt, Tagesausflügler mit den Motiven Gesundheit/Erholung vor allem mit der Therme, allerdings fehlen weitere niedrigschwellige Gesundheitsangebote. Aber dann rutscht der Kurort doch ab. Kurtouristen finden keine Kurhotels, Wellnesstouristen weder Wellnesshotel noch Wellnessangebote. Ferienwohnungen fehlen weitgehend. Golfplatz und Therme sind echte Pfunde bei Erlebnisurlaubern, danach wird es aber schnell still. Sehenswürdigkeiten fehlen schlicht. Ganz schlecht dran sind Tagesausflügler mit dem Motiv Erlebnis, ihre Erwartungen werden mit dem Golfplatz und Veranstaltungen nur teilweise erfüllt. Kaum Freizeitangebote und Sehenswürdigkeiten, auch keine Flaniermeile, lautet das Zwischenfazit. Geschäftsreisende finden kaum Tagungsräume in Hotels und eine ausbaufähige Gastronomie. Der Einzelhandel im Stadtteil mit fast 5.300 Einwohnern sei „kaum relevant“. Doch was fängt Walibo mit dieser Untersuchung wichtiger Zielgruppen an? Die Tourismusberater können sich vier Ausrichtungen vorstellen: Bei Wohnort plus bleiben Investitionen in die kurörtlichen Angebote aus. Die Bedeutung für selbst zahlende Gäste und Urlauber sinkt und kurörtliche Einrichtungen gehen langfristig verloren. Als Wohnort bleibt Bad Waldliesborn bei dieser Variante weiter attraktiv. In der Version Bestand plus wird das kurörtliche Angebot an die nachlassende Nachfrage angepasst. Damit werden auch die touristischen Ambitionen zurückgefahren. Wellness plus steht für Investitionen in den Ausbau der Angebote, vor allem im betrieblichen Bereich, die Spezialisierung bestehender und die Ansiedlung neuer Betriebe einschließlich Erschließung der Zielgruppe Wellnesstouristen. Mehr Freizeitangebote, mehr Veranstaltungen und Shoppingangebote prägen den Oberbegriff Tourismus plus. Über diesen Hebel sollen mehr Urlauber und Tagesgäste angelockt werden. Die beiden Kliniken bleiben bei allen Szenarien ausgeklammert. Sie haben sich als autarke Betriebe mit geänderter Patientenstruktur etabliert und sind nach Beratersicht „deutlich weniger auf ein kurörtliches Angebot im Umfeld angewiesen“. Aber genau im Übernachtungsbereich profitiert das Heilbad von den Kliniken. Was tun? Den Beratern ist eines völlig klar: „Entscheidend für die kurörtliche und auch touristische Zukunft von Bad Waldliesborn ist also, ob es öffentliche und private Investitionen gibt oder ob diese ausbleiben.“ Orte mit hohen Investitionen in Infrastruktur und Beherbung, wie das etwa Bad Lippspringe zur Landesgartenschau unternommen hat, fahren steigende Übernachtungszahlen ein. In Orten mit stagnierenden Übernachtungszahlen wird es laut Analyse auch einen Stillstand bei Angebot und Vermarktung geben. Ja, und es gibt auch Kurorte mit rückläufigen Übernachtungszahlen, in denen es in der Regel zu Betriebsschließungen kommt. Die Tourismusberater stellen fest, dass die Anforderungen der Gäste wachsen. Kurorte ohne Investitionen in Angebot und Vermarktung, so die Stellungnahme der Experten, laufen Gefahr; „den Anschluss an den Wettbewerb zu verlieren“. Walibo habe Chancen, doch als besondere Anziehungspunkte nur die Therme und das kurörtliche Ortsbild sowie eine ansprechende landschaftliche Umgebung mit Wegenetzen. „Weitere Impulse müssen geschaffen werden“, lautet die Vorgabe. Die Erschließung neuer Zielgruppen und der Ausbau der Infrastruktur seien auf jeden Fall mit viel Aufwand verbunden – finanziell und personell.

Für den Berater ist Walibo ein Bad der Kliniken und werde inzwischen stark von Geschäftsreisenden nachgefragt, aber weniger von den Selbstzahlern. .Eine Ausrichtung auf touristische oder Wellnessangebote hänge maßgeblich von Investoren ab. Überragend sei die bereitgehaltene Wasserfläche von 1.200 qm und ein sehr großer, ansprechender Kurpark, der aber Defizite in der Pflege aufweise. Der Golfplatz sei sehr attraktiv, dagegen habe die Therme Sanierungsbedarf, nannte Tourismusberater Kobernuß Stärken und Schwächen. Inzwischen passe die Struktur im Heilbad teilweise nicht mehr zur Größe. Der Berater machte sich für eine kurörtliche Mitte stark, im Prinzip liege das neue Hauptzentrum am Ortsrand

Wie es weitergehen soll, daran wirkt eine eigens gebildete Arbeitsgruppe mit. Aus diesem Kreis werden noch Empfehlungen einfließen, erklärte die 1. Beigeordnete, Karin Rodeheger. Die Erwartungen aus der Politik sind allemal hoch. „Das Interessante kommt erst noch“, stellte CDL-Sprecher Axel Bohnhorst fest und drückte seine Hoffnungen so aus: „Ich erwarte, wie kann’s funktionieren.“ Wobei nicht jeder so schwarz sah wie Josef Franz. Die Grundanalyse mit Aussagen zur Kurortsituation sei jedenfalls wichtig und richtig, konstatierte Grüne-Sprecherin Ursula Jasperneite-Bröckelmann. Walibo gebe auch einer Menge Menschen Brot. Die Therme sei nicht nur für das Heilbad von Bedeutung, sondern für ganz Lippstadt. Das Angebot werde so nicht im Kombibad vorgehalten, erklärte sie. Deshalb sei der Fortbestand nicht allein eine Angelegenheit von Bad Waldliesborn und seiner Bürger, reagierte die Fraktionssprecherin auf die Einschätzung des Ortsvorstehers aus Benninghausen.
Im Juli sollen die Handlungsempfehlungen für den Kurort vorliegen.
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