30.06.2018

Megaplan für Brandschützer

Lippstadt.(-ger) „Wir haben eine 2 minus gekriegt“, wollte CDU-Fraktionschef Ansgar Mertens die Ergebnisse des neuen Brandschutzbedarfsplanes „auch wie so eine Art Zeugnis“ verstanden wissen. Damit dies in der Zukunft noch besser ausfällt, solle maßgeblich das Ehrenamt durch verbesserte Rahmenbedingungen gestärkt werden, lautete sein Fazit aus dem 170 Seiten starken Bericht, der mit Unterstützung der Kommunalagentur NRW erarbeitet worden ist. Am Montag stellte ihn die Verwaltung im Haupt- und Finanzausschuss zur Diskussion.

Den Ansatzpunkt hat Mertens bewusst gewählt. Denn in Lippstadt wird der Brandschutz ganz überwiegend durch ehrenamtliches Personal übernommen: 400 aktive ehrenamtliche Kräfte ergänzen die rund 90 hauptamtlichen Brandschützer. Doch es werden Schwachpunkte deutlich. Die persönliche Verfügbarkeit der Kräfte geht zurück. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Die Bereitschaft zur Übernahme eines Ehrenamtes sinkt. Der Zeitaufwand für die Aus- und Fortbildung und die Einsätze ist hoch. Auch Konflikte mit den Arbeitgebern beim Verlassen des Arbeitsplatzes im Einsatzfall spielen hier hinein. Die sogenannte Schutzzielerreichung in Teilen des Stadtgebietes ist heute nur unzureichend. Der Brandschutzbedarfsplan, den Anne Kathrin Esser von der Kommunalagentur in der Sitzung in den Kernaussagen erklärte, legt daher die personelle Stärkung der ehrenamtlichen Einheiten nahe. Wegen der sehr unterschiedlichen Erreichungsgrade der Hilfsfristen sollen standortbezogenen Schwerpunkte gesetzt werden. Zu rund 800 Einsätzen rückte die Wehr im vergangenen Jahr aus. Vor allem technische Hilfeleistungen werden von den Kräften verlangt, das Einsatzaufkommen hierfür hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Sie machen inzwischen fast die Hälfte aller Einsätze aus. Brandeinsätze prägen jeden fünften Einsatz. Brandeinsätze und Alarmierungen durch Brandmeldeanlagen blieben relativ konstant. Bei weitem nicht auf dem Level geblieben sind die Hilfsfristen. Laut Empfehlung der Berufsfeuerwehren sind die ersten Einsatzkräfte in 90 Prozent der Fälle acht Minuten nach der Alarmierung am Einsatzort. Das ist in Lippstadt nicht mehr zu halten. Innerhalb von zehn Jahren ist die Quote der Fälle, in denen eine Löschgruppe innerhalb von acht Minuten am Einsatzort war, von 90 Prozent auf 50 Prozent gesunken. Angestrebt werden nun 80 Prozent. Die Stadt habe, so die Expertin von der Kommunalagentur, bei der Aufsichtsbehörde „relativ Glück gehabt“. Der für die Wehr zuständige Fachbereichsleiter, der Städtische Rechtsdirektor Joachim Elliger, verweist in seiner Vorlage für den Hauptausschuss darauf, dass die Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft der Berufsfeuerwehren zwar als Regel der Technik allgemein anerkannt sei, „aufgrund der ländlich geprägten Struktur“ reiche für das Gesamtgebiet ein Erreichungsgrad von 80 Prozent aber aus. Dafür wird die Stadt auch investieren müssen. Die Feuerwehr der Stadt hat gegenwärtig zehn Standorte. „Die baulichen Objekte sind insgesamt in einem altersgemäßen Zustand, jedoch sind auch aus Gründen des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung an einigen Objekten bauliche Maßnahmen z.T. dringend erforderlich“, heißt es in dem neuen Brandschutzbedarfsplan, dessen Vorgänger bereits 2002 vorgelegt wurde. Größte Herausforderung könnte die Feuer- und Rettungswache an der Geiststraße werden. Aus Expertensicht entspricht der Standort, in dem die hauptamtlichen Kräfte im Brandschutz und Rettungsdienst sowie vier ehrenamtliche Löschgruppen zusammengezogen sind, weder in Größe noch baulichen Gegebenheiten „den Anforderungen aller Nutzergruppen sowie den gestiegenen Anforderungen an eine Feuer- und Rettungswache“. Die Lage und die verkehrstechnische Anbindung des Standortes seien für die erstausrückenden hauptamtlichen Kräfte sowie die nachrückenden ehrenamtlichen Retter „nicht gut geeignet“. Es müsse deshalb geprüft werden, ob ein geeigneter Standort möglich wäre. Vernichtend fällt die Einschätzung über den Standort Rixbeck aus. Der sei in einem „ungenügenden Zustand, dem schnellstmöglich abgeholfen werde sollte“. Aus der Perspektive der Fachleute könnte eine Alternative zu einem Neubau ein gemeinsamer Standort mit der Löschgruppe Dedinghausen sein. Vorbild: der Stützpunkt West. Um den Verlust ehrenamtlicher Kräfte zu verhindern, müssten dann die Interessen beider Löschgruppen ausreichend berücksichtigt werden. Auch Bad Waldliesborn ist nicht nur wegen seiner Klinik und Kureinrichtungen ein besonderer Fall. Die Löschgruppe Lipperbruch deckt Lippstadts größten Stadtteil mit fast 5.300 Einwohnern mit ab, allerdings kann eine flächendeckende Abdeckung wegen der Fahrzeiten nicht sichergestellt werden. Eine deutliche Verbesserung wird in der Neugründung eines Standortes im Heilbad gesehen, eine gute Idee könnte aber auch die Verlegung des Standortes an die Grenze zu Bad Waldliesborn sein. Zusammenfassend kommt die Expertise zu dem Schluss, dass die Feuerwehr Lippstadt mit ihrer Hauptamtlichen Wachbereitschaft sowie den weiteren neun ehrenamtlichen Feuerwehrstandorten in ihrem jetzigen Organisationsaufbau „eine insgesamt gut aufgestellte Feuerwehr“ darstelle, jedoch seien der vielfältigen Strukturveränderungen Anpassungen im Organisationsaufbau „zwingend erforderlich“. Auch der Fahrzeugpark muss und soll angepasst werden. Zwar hat der Ausschuss auf Wunsch von Mathias Marx (SPD) den Beschluss zur Beschaffung in die Ratssitzung verschoben, weil die Genossen noch Beratungsbedarf hatten, es dürften sich aber kaum Einwände ergeben. Um den Brandschutzbedarfsplan umzusetzen, sollen bis 2023 neue Fahrzeuge im Umfang von 5,5 Mio. Euro beschafft werden. Nach gründlicher Durchleuchtung der Ist-Lage ist die Feuerwehr in Lippstadt nach Darstellung der Fachfrau „insgesamt gut aufgestellt“, sie müsse aber an den richtigen Stellschrauben drehen, um gut zu bleiben. Dazu zählten die Investitionen in Gebäude und Fahrzeuge sowie eine an den wachsenden Aufgaben angepasste Organisationstruktur. Doch das allein wird noch nicht genügen. „Gehen Sie an die Jugendfeuerwehr ran“, riet die Expertin. Will sagen: Investieren Sie in die Nachwuchsgewinnung und -arbeit. Obwohl die Zahl der Mitarbeiter in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist, wie Bürgermeister Christof Sommer nachdrücklich feststellte, brauchen die Brandschützer ein nachwachsendes Rückgrat. Keine Frage also für Anne Kathrin Esser: „Sie sollten das Ehrenamt stärken.“ Die Politik, versprach Ansgar Mertens für die CDU-Fraktion, und damit sicher nicht nur für die, werde ihre Hausaufgaben sehr gewissenhaft erfüllen, „um eine 2+ oder 1- zu kriegen“.
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