04.08.2018

Bienen und Igel von unten begucken

Lippstadt. (-ger) Klassische Grabformen sind längst auf dem Rückmarsch, der Siegeszug der Urnenbestattung schreitet voran. Auch in Lippstadt. Zugleich werden die Gestaltungs- und Pflegeformen immer breiter. Sorgte das Blumenhaus Klingler mit seinem ersten Memoriam-Garten vor fünf Jahren noch für ein mutiges Projekt, ist Inhaber Hans-Joachim Klingler längst über erste Zweifel über die Akzeptanz hinweg. Die insgesamt 75 Bestattungsmöglichkeiten auf einer Fläche von 230 qm sind allesamt vergeben oder reserviert.
Der wunderschön gestaltete Garten aus fachmännischer Hand mit vorab vertraglich vereinbarter Dauergrabpflege ist so gut angekommen, dass Klingler sich nach vielen Anfragen zu einem Anschlussvorhaben ebenfalls auf dem Hauptfriedhof an der Lipperoder Straße entschieden hat. Auf dem Feld 27 im Nordosten des Geländes mit einer Gesamtfläche von 750 qm ist ein erster Teilbereich mit vier Wegen bereits nach allen Regeln der gärtnerischen Kunst hergerichtet worden. Auch hier sind die ersten Gräber schon vergeben. Die hohe Nachfrage hat den Friedhofsgärtner sogar „ein bisschen überrollt“, wie er bei der Vorstellung des Projekts sagt. Die Memoriam-Gärten sind Teil der Friedhofsanlagen und folgen doch einem ganz eigenen Konzept. So sind alle Grabstätten in harmonischer Art und Weise miteinander verbunden. Klare Abgrenzungen bei den üblichen Grabstätten fehlen hier. Die Dauergrabpflege übernimmt der kompetente und qualifizierte Friedhofsgärtner. Eine anonyme Beisetzung gibt es nicht, die Namen der Verstorbenen werden auf kunstvollen Grabmalen verewigt. Zu den Besonderheiten der Memoriam-Gärten zählen die Ruhebänke bzw.- steine, Hochbeete und breite Rundwege. Die anspruchsvolle Bepflanzung – die Memoriam-Gärten grünen und blühen das ganze Jahr über – kann somit von allen Seiten wahrgenommen werden. Das Blumenhaus hat den Memoriam-Garten selbst geplant, finanziert und in Eigenregie gebaut. Seit der Fertigstellung übernimmt Klingler die Pflege. Auch die Urnenbestattungen werden vorgenommen. Für die Grabsteine sind die Steinmetzbetriebe Bergschneider und Schulte zuständig.
Weil das Grabfeld so viel Fläche bietet, möchte Klingler hier einen Gedanken aufgreifen, der erstmals auf der Internationalen Gartenbauausstellung 2017 in Berlin vorgestellt worden ist. Das neue Konzept trägt den geschützten Namen „NaturRuh“. Die Kernideen dahinter sind Ökologie auf dem Friedhof und Nachhaltigkeit. Eine erste Anlage ist in Gelsenkirchen entstanden. Den hier integrierten Teich haben die Enten bereits erobert. Urnenbeisetzungen direkt neben dem Gewässer sind möglich. Die NaturRuh-Areale wollen die ökologisch wertvolle Bedeutung des Friedhofes unterstreichen. Das Ergebnis sind farbenprächtige Stauden sowie Nahrungsquellen und Rückzugsmöglichkeiten für Tiere. Es gibt ein Insektenhotel, Igelhöhlen und eine bienenfreundliche Pflanzenwelt. Saisonale Gewächse sucht der Betrachter hier vergeblich. Die Mischungen sorgen für eine jahreszeitliche Blühabfolge, die übliche Wechselbepflanzung wie bei klassischen Gräbern entfällt. Das Natur-Ruh-Areal ist eine zusammenhängende Fläche, die eine naturnahe und gleichzeitig würdevolle Bestattung ermöglicht. Klingler spricht bei der Beschreibung des optischen Eindrucks von einer „gesteuerten Rauheit“, will sagen: Die gewählten Pflanzen entwickeln sich weitgehend selbst. Gleichwohl wird die Fläche vom Fachmann gepflegt. Die Bestattungen sind somit an einen Dauergrabpflegevertrag geknüpft. Die Treuhandstelle für die Dauergrabpflege erklärt „NaturRuh“ darum zu einem kostengünstigen „Rund-um-Sorglos-Paket“. Das Blumenhaus Klingler wollte diese neue Gestaltungsmöglichkeit auf einem Teilbereich von Feld 27 in Nachbarschaft des neuen Memoriam-Gartens ursprünglich im September anbieten, wegen der anhaltenden Trockenheit kann dieser Termin aber nicht mehr eingehalten werden. Hans-Joachim Klinger rechnet jetzt mit dem Start zum nächsten Winter. Auf einer Fläche von über 300 qm sollen 80 bis 100 Grabstellen angeboten werden. Über konkrete Preise spricht der Friedhofsgärtner noch nicht, nennt aber mit Kursen von voraussichtlich 3.200 bis 3.300 Euro eine erste Hausnummer. „Das ist noch nicht in Stein gemeißelt“, schränkt der umtriebige Friedhofsgärtner ein, der von dem neuen Konzept voll und ganz überzeugt ist. Bedenken, dass Beisetzungen in einem naturnahen Umfeld vielleicht doch nicht so ziehen wie vorgestellt, hat er nicht: „Ich denke, dass es greift.“ Im Kreis Soest gibt es Memoriam-Gärten nur in Lippstadt, mit Fertigstellung des „NaturRuh“-Areals gehört Klingler zu den ersten vier Anbietern in der Republik.
zurück zur Artikelübersicht