15.09.2018

Gemeinsam lernen gar nicht so leicht

Lippstadt.(-ger) Neuausrichtung in der schulischen Inklusion. Nachdem in Erfüllung der UN-Behindertenrechtskonvention das Schulrecht vor vier Jahren geändert worden ist und die Mindestgrößen-Verordnung die Förderlandschaft durchschüttelte, werden die Segel in der sonderpädagogischen Förderung ab dem kommenden Schuljahr wieder neu gestellt. Danach soll die Verpflichtung, die schulische Inklusion an allen Schulformen anzubieten, gelockert werden.

In Gymnasien etwa soll eine zieldifferente Förderung beispielsweise bei Kindern mit den Förderschwerpunkten Lernen bzw. geistige Entwicklung nur noch auf freiwilliger Basis möglich sein, berichtete die Fachverwaltung im Schul- und Kulturausschuss. Die schulische Inklusion in der Sekundarstufe I mit den Klassen 5 bis 10 möchte der Gesetzgeber überwiegend in Schwerpunktschulen (Schulen des längeren gemeinsamen Lernens) bündeln. Die Entscheidung vor Ort trifft der Schulträger, also die Stadt, im Einverständnis mit der Schulaufsicht. Und nun sollen auch die Förderschulen wieder gestärkt werden. Hatte das Land mit der Anhebung der Mindestgrößen für Förderschulen vor allem den größten Förderschwerpunkt „Lernen“ getroffen, ist nach Information von Fachbereichschef Manfred Strieth eine Absenkung der notwendigen Schülerzahl an diesen Förderschulen von 144 auf 112 geplant und auf 84 Schüler, wenn nur die Sekundarstufe I geführt wird. Darüber hinaus sollen Teilstandorte von Förderschulen eingerichtet werden können, um eine wohnortnahe Versorgung zu erhalten. Die Inklusion an Grundschulen soll unverändert fortgesetzt werden.

Mit dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz hat der Gesetzgeber erstmalig einen stufenweise umzusetzenden Rechtsanspruch auf schulische Inklusion ab dem Schuljahr 2014/15 zementiert. Damit verbunden war der neue Grundsatz, dass die sonderpädagogische Förderung im Regelfall an der allgemeinen Schule erfolgen soll. Während das gemeinsame Lernen in den Grundschulen angekommen sei und akzeptiert werde, erläuterte Strieth in der Sitzung, ist es nach zwei, drei Jahren mit der Dynamik in den weiterführenden Schulen vorbei. Während mit 80 Kindern im gemeinsamen Lernen in allen Grundschulen zusammen in diesem Schuljahr ein neuer Höchststand erreicht wird und seit Ankündigung des Rechtsanspruches stabile Zahlen erreicht werden, ist an den weiterführenden Schulen zwar ein erheblicher Zuwachs von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf erkennbar, ab dem letzten Schuljahr gibt es aber keine oder nur noch geringere Steigerungsraten. „Die Kopernikusschule ist die Hauptschule der Inklusion“, unterstrich Ressortchef Strieth. Aber auch hier sinken die inklusiv beschulten Schüler. Aktuell sind es 57 Schüler, vor zwei Jahren waren es noch 69. Aber: 2011/12 waren lediglich 21 Kinder im gemeinsamen Lernen. An den drei Realschulen zusammen haben zurzeit 25 Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf, fünf mehr als im Vorjahr; vor 2014/2015 gab es überhaupt keine inklusiv beschulten Kinder. Die städtische Gesamtschule nimmt im laufenden Schuljahr 24 Kinder im gemeinsamen Lernen auf. Die Zahl ist seit drei Jahren in etwa konstant. Bei Erfüllung des Rechtsanspruches waren es elf Schüler. Am einzigen städtischen Gymnasium war und ist das gemeinsame Lernen kein Thema. Gegenwärtig wird ein Kind inklusiv beschult, in den beiden Vorjahren waren es jeweils zwei. Zumeist musste sich das Ostendorf-Gymnasium auf keinen einzigen Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf einrichten.

Vor der Mindestgrößen-Verordnung wurden im Kreis Soest sechs Förderschulen mit dem Schwerpunkt „Lernen“ geführt, heute sind es nur noch zwei. Die Schule im Grünen Winkel in Lippstadt ist eine davon, die zweite ist die Clarenbach-Schule in Soest in Trägerschaft des Kreises. Die Schulen mit den weiteren Förderschwerpunkten Emotionale und soziale Entwicklung, Sprache, geistige Entwicklung, Sehen oder körperliche und motorische Entwicklung waren hingegen kaum oder nur marginal von der Schulrechtsänderung betroffen. Auch für den zweitgrößten Förderschwerpunkt, emotionale und soziale Entwicklung, hat Lippstadt mit der Hedwigschule eine Förderschule im Angebot. Zwar ging mit Beginn der Diskussion über die Inklusion die Schülerzahl sowohl in der Primar- als auch der Sekundarstufe beider Schulen zurück, das Blatt hat sich aber gravierend verändert. Aktuell besuchen 59 Förderschüler die Primarstufe der Schule im Grünen Winkel, das sind sechs mehr als noch 2011/12. In der Sekundarstufe I sind es mit 177 Schülern genauso viel wie vor sechs Jahren. Die Förderschule kommt also an. Kein anderes Bild an der Hedwigschule. Obwohl sich im Gegensatz zu der Förderschule im Grünen Winkel das Einzugsgebiet dieser Schule mit dem Schwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung nicht vergrößert hat, steigen die Schülerzahlen wieder. In der Primarstufe werden 50 Förderschüler beschult (2011/12: 43), in der Sekundarstufe I sind es 111 (2011/12: 93). Beide Schulen dürften nach Einschätzung der Schulverwaltung als eigenständiger Schulort gesichert sein. Welche Schlussfolgerungen die Stadt daraus zieht? „Erste Rückmeldungen von Schulen und Eltern lassen darauf schließen, dass das veränderte Anmeldeverfahren vermutlich auf Negativerfahrungen bei der Inklusion an den weiterführenden Schulen zurückzuführen sein dürfte“, resümierte Schulexperte Strieth. „Die Inklusion im Grundschulbereich hat ganz gut funktioniert, an weiterführenden Schulen ist sie nicht so gut gelungen“, meinte der Ressortchef. Die Regelschule ist das Regelangebot, die Förderschule die Ausnahme, machte Strieth im tags darauf tagenden Jugendhilfeausschuss auf Nachfrage von Dorothee Großekathöfer klar. Im Zweifel entscheide die Schulaufsicht. Ostendorf-Lehrer Horst Regelmann zeigte auf, dass nach wie vor tausendfach qualifiziertes Personal fehle und als Ersatz multiprofessionelle Teams gebildet werden.

Fakt bleibt, dass die Gesamtzahl der Kinder mit einem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf seit Jahren bundes- und landesweit zunimmt. Über die Gründe gibt es bislang keine wissenschaftlich fundierten Aussagen, nur Thesen, Vermutungen und Studien. Der neu im Ausschuss verpflichtete Dr. Carsten Püttmann (SPD) berichtete über eine amerikanische Forschung, wonach der frühe und lange Besuch der Kitas im Zusammenhang damit stehen könnte. „Als Verwaltung haben wir keine Erklärung“, sagte Fachbereichsleiter Strieth im Jugendhilfeausschuss. Die US-Studie ließ dem Verwaltungsmann keine Ruhe. Ergebnis seiner Recherche: „Ich würde die These nicht so stützen.“ Beleg dafür war ihm die Zahl der Kinder mit Förderbedarf in den Kitas, die im Zeitraum 2010 bis 2917 von 101 auf 164 gestiegen sei.

Zwischen Weser und Rhein lag dieser Bedarf über alle Schulen des Primarbereichs bzw. Sekundarstufe I bei zuletzt 7,5 Prozent. Allein in den beiden Förderschwerpunkten Lernen und Emotionale und soziale Entwickung ist der sonderpädagogische Förderbedarf im Primarbereich (Klassen 1 bis 4) um 27 Kinder seit 2010 auf nunmehr 134 gestiegen. Die Quote erhöhte sich damit von 3,97 Prozent auf 5,24 Prozent im Jahr 2017. In der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) ist die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf um 54 Schüler auf 240 gewachsen. Die Förderquote ging damit von 4,3 Prozent im Jahr 2010 auf 6,5 Prozent im Jahr 2017 hoch. Addiert besteht ein Förderbedarf für 374 Kinder in der Primar- und Sekundarstufe I, 74 mehr als noch vor sieben Jahren. Die Lippstädter Kinder in außerhalb der Stadt gelegenen Förderschulen mit weiteren Schwerpunkten sind hier nicht mit eingerechnet.
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