30.12.2017

„Kultur betrifft die Stadtentwicklung“

Lippstadt.(-ger) Mit der Fraktionssprecherin der Grünen im Rat der Stadt, Ursula Jasperneite-Bröckelmann, bringt der politische Beobachter gewöhnlich ihre Hauptaktionsfelder Stadtentwicklung und Finanzen in Verbindung. Im schon traditionellen Jahresabschlussgespräch mit LaS präzisiert die Frontfrau der Bündnisfraktion nun ihre kulturpolitischen Vorstellungen und stellt gleich zu Beginn einen für sie augenscheinlichen Zusammenhang her: „Kultur betrifft auch die Stadtentwicklung.“ Genug Kultur könne es nicht geben, Künstler seien oftmals Vorreiter bei der Entwicklung vernachlässigter Quartiere. Nicht selten entstünden kreative Milieus in Leerräumen oder Brachen. „In diesem Sinne muss die Stadtplanung der Kultur den Weg ebnen“, betont die Sprecherin. Die von den Linken seit Jahren geforderte Unterstützung in Millionenhöhe für ein Kulturzentrum stößt bei Jasperneite-Bröckelmann jedoch auf Zurückhaltung. Ohne eine schubkräftige Initiative im Hintergrund sei dies wenig sinnvoll. Die Grünen haben einen entsprechenden Antrag der Linken dann auch abgewiesen. Ausdrücklich begrüßt hat die Partei aber die anstehende Sanierung des Stadttheaters.

Der Musentempel gehöre wie selbstverständlich zum Stadtbild und stelle nach wie vor eine „moderne, zeitlose Spielstätte“ dar. In der Stadt bestünden die verschiedensten Orte für Veranstaltungen, von der Jakobikirche bis zur Freilichtaufführung im Grünen Winkel. Vor allem aber mit dem Stadttheater habe Lippstadt im Vergleich mit den umliegenden Kommunen einen herausragenden Veranstaltungsort. Hervorzuheben sei das Konzept der offenen Bühnen wie auch die hervorragenden akustischen und optischen Bedingungen. „Das Potenzial des Theaters ist gut“, unterstreicht die Fraktionssprecherin. Weil das ihrer Einschätzung nach so ist, sieht sie zu der angestrebten Modernisierung und technischen Ertüchtigung für inzwischen geschätzte knapp 17 Mio. Euro keine wirkliche Alternative. Ein von anderen Fraktionen angesichts deutlich gestiegener Kosten und möglicherweise noch höheren Beträgen in Erwägung gezogener Neubau dürfte nach ihrer Meinung mit 40 bis 50 Mio. Euro zu kalkulieren sein und damit erheblich teurer werden. Schließlich biete das vorhandene Gebäude 800 Plätze im großen Haus und 200 weitere Plätzen auf der Studiobühne. Zu der Betonsanierung und der neuen Bestuhlung stehen die Grünen aber. Die bisherigen Stühle müssten ohnehin ausgebaut, eingelagert und ausgebessert werden, „da sollte man nach der umfassenden technischen Sanierung im Stadttheater auch besser sitzen können“. Jasperneite-Bröckelmann zum Vorschlag von Lipperodes Ortsvorsteher Otto Brand: „Umso besser, wenn dies durch Spendendengelder unterstützt werden kann.“

Kunst und Kultur mit ihrer integrativen und Identität stiftenden Kraft seien in der heutigen Zeit, in der es zu immer schnelleren Veränderungen komme, wichtiger denn je. Das Credo der grünen Frontfrau, die auch Vorsitzende des Aufsichtsrates der Kultur und Werbung (KWL) ist: „Kultur schafft spielend mehr Lebensqualität.“ Lippstadt brauche eine lebendige, vielfältige freie Kunst- und Kulturszene. Kulturelle Traditionen, kreative Freiräume und Vielfalt im kulturellen Angebot seien entscheidend für eine lebendige Stadt, wobei zahlreiche Veranstaltungen diese Vielfalt entscheidend mitprägen. „Es wird in Zukunft auch darum gehen müssen, neue Zielgruppen – besonders auch junge Menschen – zu erreichen. Die Möglichkeiten eines alternativen Kulturangebotes für Jugendliche gilt es auszuloten“, äußert sie sich an dieser Stelle vorsichtig.

In der Kultur sieht die Grüne-Sprecherin einen wichtigen Motor für die Stadt. Kultur sei für alle da, deshalb müsse Kulturarbeit der Entfaltung und Entwicklung sozialer, kommunikativer und ästhetischer Möglichkeiten und Bedürfnisse aller Bürger dienen. Jasperneite-Bröckelmann: „Kultur ist auch eine treibende Kraft für den sozialen Zusammenhalt. Kultur bringt Leute zusammen.“ Besondere Kulturtreffpunkte hält sie für unverzichtbar. Sie dienten der Außendarstellung. Gleichzeitig dürften kleine Kultureinrichtungen nicht verschwinden, sondern müssten unterstützt werden.

Als Paradebeispiel für die Verknüpfung von Stadt mit Kultur und einem Anziehungspunkt für Touristen betrachtet sie die Lichtpromenade. Hier werde Kultur im öffentlichen Raum besonders präsent. Der Lichtkunst-Weg mit seinen inzwischen 14 Objekten schaffe eine öffentliche Plattform für Lichtkunst. „Als Pendant könnte im Bereich der Südlichen Umflut, die als historischer Wasserlauf zum bedeutenden stadtgeschichtlichen Erbe zähle, Lichtkunst platziert werden.“ Dabei stellt sich die Sprecherin der Grünen den Bereich der östlich vom Bahnhof gelegenen Fußgängerunterführung entlang der Umflut vor. „Dort könnte ein dunkler Durchgang mit moderner Lichttechnologie energieeffizient in einen lebendigen städtischen Ort verwandelt werden.“

Kunst im öffentlichen Raum umfasse auch vorübergehende künstlerische Interventionen und Aktionen. Diese ermöglichten die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen der Stadtgesellschaft und schafften neue Blickwinkel auf eine scheinbar vertraute Umgebung. Solche Angebote initiierten eine offene Diskussion und konkrete Auseinandersetzungen mit Kunst im öffentlichen Raum. „Aufgrund der auf die Aktion oder Ausstellung begrenzten Zeit wäre dann durchaus auch Kopfschütteln erlaubt“, stellt sich Jasperneite-Bröckelmann eine lebhafte Debatte vor.

Kulturevents helfen ihrer Auffassung nach, Schwellenängste gegenüber Kunst, Künstlern, Theater und Museen abzubauen. Beispiele dafür seien Wechselausstellungen und die langen Kultur-Nächte in immer mehr Städten. In Lippstadt führt Jasperneite-Bröckelmann an dieser Stelle LippstART an, bei dem an einem Wochenende verschiedenen Künstler ihre Ateliers geöffnet haben und die „Nacht der Lichtkunst“, in der auch Lippstadt ein Programm zur öffentlichen Lichtkunst anbiete.

In einer Stadt mit historischem Stadtkern werde ein Museum erwartet. „Die lebendige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte trägt wesentlich zum Verständnis für ihre jeweilige Besonderheit bei und damit zur Identifikation mit dem Ort“, schwenkt die Grüne-Politikerin zu einer seit Jahren in der Politik und Öffentlichkeit diskutierten Frage nach der Zukunft des Stadtmuseums über. Nachdem die Leitungsposition endlich besetzt sei, müsse die bautechnische Instandsetzung dieses zentral gelegenen Denkmals folgen. Für die weitere Museumsnutzung hält Jasperneite-Bröckelmann darüber hinaus Investitionen in einen Funktionsanbau für zwingend erforderlich. Im kommenden Jahr, so sah es der Antrag der Grünen für die Haushaltssitzung des Rates vor, sollten entsprechende Fördermöglichkeiten geklärt werden. Und es müsse auch eine Geschichtskultur geben, die jeden Einzelnen auf eine eigene Zeitreise mitnehme. „Wir sollte uns befragen, wie wir mit den kollektiven Gedächtnisorten und -anlässen umgehen“, nennt sie das Jüdische Erinnerungszeichen in der Rathausstraße als Beispiel.
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